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Interview mit Hans Kammerlander

Hans Kammerlander ist acht Jahre alt, als ihn Touristen in seiner Südtiroler Heimat nach dem Weg auf den Großen Moosstock (3059m) fragen. Hans folgt ihnen heimlich und steht wenig später auf seinem ersten Berg.
Er war der erste Mensch der vom Mount Everest mit Skiern abgefahren ist, zusammen mit Reinhold Messner, mit dem er sieben 8000er bestiegen hat, gelang ihm die erste Doppelüberschreitung im Himalaya (Gasherbrum II und Hidden Peak).
Dies sind nur zwei Erfolge einer endlos langen Liste aus dem bewegenden Leben des außergewöhnlichen Extrembergsteigers.


Wie groß war damals die Enttäuschung, als du am Cho Oyu, deinem ersten 8000er, nach Wochen harter Arbeit umdrehen musstest?
Wenn du ganz jung bist, dann ist ein Scheitern natürlich wesentlich schmerzvoller als im Laufe der Jahre, wenn du weißt, du kommst wieder, du hast dir die Basis aufgebaut wiederzukommen.
Trotz allem habe ich meine Arbeit gemacht. Wir waren am höchsten Punkt der ganzen Expedition und in dieser Hinsicht war es für mich eine Bestätigung, dass alles passt, auch in der Höhe.


Was wäre aus Hans Kammerlander geworden, wenn er damals nicht auf Reinhold Messner getroffen wäre?
Ich glaube wenn ich nicht auf Messner getroffen wäre, dann hätte ich mein Leben als Bergführer fortgesetzt und mich mehr mit dem Felsbereich beschäftigt. Das war damals meine Passion und aus dieser Passion wurde ich durch die Expeditionen ein bisschen rausgerissen.
Es war natürlich ein unbeschreiblicher Moment, als er mich eingeladen hat. Er hat mir die Tür zu den hohen Bergen geöffnet.


Habt ihr heute noch Kontakt?
Der Kontakt besteht relativ selten, da jeder seinen Weg gegangen ist. Er hat mit den Expeditionen aufgehört und ich bin meinen Weg weiter gegangen. Da haben sich verschiedene Richtungen entwickelt. Er war in der Wüst und auch in der Politik und ich bin auf meinen 8000ern geblieben, habe den Stil geändert. Ich habe vielfach versucht Skikombinationen mit einzubringen, da der Berg und die Skier seit meiner Kindheit meine beiden Hobbys waren.
Jetzt treffen wir uns, wenn irgendwo einmal ein Bergfest ist, stehen aber nicht in regelmäßigem Kontakt.


Als du am 3. Januar 2012, zusammen mit Christian Stangl und Robert Miller, den Gipfel des Mount Tyree (zweithöchster Berg der Antarktis) erreicht hast, wart ihr die ersten die seit 15 Jahren wieder dort oben standen; noch dazu hattest du dein Ziel, die „Seven Second Summits“ erreicht. Wie war für dich das Gefühl auf dem Gipfel?
Es ist natürlich ein endlos weiter Weg und im Bezug auf diesen Berg wurde immer wieder der Teufel an die Wand gemalt. Im Endeffekt war der Berg nicht das Problem. Im Großen und Ganzen war das ein Routineberg. Ich habe mich gewundert, woher das viele Scheitern im Vorfeld kam, aber das hängt bestimmt auch von den Wetterverhältnissen ab. Wenn es stürmt und windet, dann präsentiert sich so ein Berg ganz anders und wir haben sehr gutes Wetter gehabt. In dieser Hinsicht war es eine relativ lockere Expedition.

Die „Seven Second Summits“ sind ja bekanntlich schwieriger als ihre großen Brüder. Beim Mount Tyree kommen die extreme Anreise und diverse andere Schwierigkeiten hinzu die man an sonst keinem anderen Berg vorfindet.
Wie bereitest du dich auf solch eine außergewöhnliche Expedition vor?

Ich habe mich für den Mount Tyree nicht speziell vorbereitet. Ich glaube, solche Berge kann ich aus der Routine heraus besteigen. Da gab es im Laufe der Jahre ganz andere Kaliber auf die ich zugegangen bin. Wenn ich in schlechter Form bin, dann teile ich mir das Tempo ein und gehe ein bisschen entspannter dran und wenn du besser in Form bist, gehst du ein bisschen schneller. Ein spezielles Training hat dieser Berg von mir nicht erfordert.

2010 kam Christian Stangl in die Schlagzeilen, als er vorgab den K2 bestiegen zu haben. Später gab er zu, den Gipfel nicht erreicht zu haben und sich, aufgrund von Stress, Druck und Angst vor Versagen, alles nur eingebildet hatte.
Kannst du das nachvollziehen?

Ich kann verstehen, dass er Druck gehabt hat, aber der Druck kann nicht so stark sein, dass du den „Berg der Berge“ einfach so knallhart falsch präsentierst. Ich glaube er hat einfach die Schnauze voll gehabt, da er schon mehrere Male gescheitert ist und er war ja auch mittendrin in dem Wettlauf um die zweithöchsten Gipfel und hat gespürt, wenn er jetzt dieses Mal am K2 scheitert, dann ist das sowieso verloren. Das hat dann eben zu dieser Kurzschlussreaktion geführt. Das ist natürlich ein Schaden für den Alpinismus, aber mit dieser Sache muss er selbst zurechtkommen.
Im letzten Jahr hat er zum Beispiel eine schöne Sache gemacht. Da ist er von 0m, vom Indischen Ozean, in einem Monat mit dem Fahrrad zum dritthöchsten Berg der Welt, zum Kangchendzönga, gefahren und hat ihn bestiegen. Das ist eine schöne Sache und er muss jetzt versuchen mit schönen Sachen diesen Fehler, soweit es überhaupt möglich ist, zu korrigieren. Ganz wird es nie möglich sein, da andere Geschichten von ihm auch sehr zweifelhaft sind.


Du hast einige Bücher geschrieben und erzählst in diesen Büchern auch immer wieder von deinen Erlebnissen an den Bergen dieser Welt. Welches ist dein schönstes Erlebnis?
An was ich mich am liebsten zurücke erinnere sind sicherlich Aktionen aus der Jugendzeit, denn die sind am tiefsten geblieben.
Die ersten Erlebnisse am Berg, das erste Mal in den Dolomiten mit meinem zehn Jahre älteren Bruder der mich mitgenommen hat. Das war für mich ein unbeschreiblich besonderer Tag.
Die spannenden Erinnerungen, an die ich ganz oft zurück denke sind zum Beispiel solche Momente, wie das Losfahren, das Starten mit den Skiern am Everest. Wenn du dich Monate lang, Jahre lang auf dieses Ding vorbereitet hast; auf diesen Augenblick; Steilrinnen fährst, immer wieder mit dem Blick nach vorne – vielleicht kommt irgendwann der Moment und du kannst wirklich den großen Traum verwirklichen. Plötzlich stehst du vor der Tatsache: Oben, die Ski, dieser Augenblick, das Losfahren…das war vielleicht der stärkste Moment meines Lebens, in dem ich innerlich sehr durcheinander war.


1991 hast du bei der versuchten Besteigung des Manaslu deine Bergkameraden und guten Freunde Friedl Mutschlechner und Carlo Großrubatscher verloren. 1998 endet deine geplante „Trilogie“ – Kangchendzönga, Manaslu, K2 – leider aufgrund von Erfrierungen schon nach dem Erfolg am Kangchendzönga.
Den K2 hast du mittlerweile bestiegen. Was wird aus dem Manaslu? Planst du noch einmal zum Manaslu zurückzukehren?

So wie ich es jetzt sehe nicht mehr. Damals habe ich mir gedacht, wenn ich mich am Kangchendzönga ganz perfekt akklimatisiere, dann könnte ich praktisch die Brücke schlagen und ganz schnell, bestens akklimatisiert zum Manaslu; eine Blitzaktion und weg.
Ich würde nicht gerne eine Expedition allein zum Manaslu starten und die Zahl 14×8000 ist mir eigentlich nicht so wichtig. Das war mir eigentlich nie so wichtig, denn ich wäre sowieso nur der Vierte oder Fünfte gewesen und dann hat es nicht mehr so einen Reiz wenn das vor dir schon andere geschafft haben; dann bist du eben einer in der Reihe. Da habe ich mich viel lieber anderen Zielen gewidmet, „wie machst du den Berg“ und vor allem Skierlebnisse, die die stärksten Erlebnisse überhaupt in meiner Karriere waren.


Die schweren Erfrierungen an den Zehen die du am Kangchendzönga erlitten hast, hätten beinahe eine Amputation zur Folge gehabt. Damit wäre sicherlich auch deine „Bergsteigerkarriere“ gefährdet, wenn nicht sogar zu Ende, gewesen.
Das glaube ich nicht ganz. Es wäre sicherlich eine unwahrscheinliche Blockade im Hinblick „Fels“ gewesen; mit den Kletterschuhen machst du da keinen Zug mehr. Mit den steifen Bergstiefeln kann man auch ohne Zehen gehen. Reinhold Messner hat sich bei seinem ersten 8000er fast alle Zehen abgefroren und hat seine restlichen 8000er alle mit abgefrorenen Zehen bestiegen; der Schweizer Norbert Joos genauso. Also in dieser Hinsicht wäre es schon weiter gegangen, aber es ist natürlich eine enorme Behinderung.

Macht man sich da im Krankenhaus über die Zukunft Gedanken?
Ja, ich habe mir viele Gedanken gemacht, denn ich liebe die Dolomiten, meine Lieblingsberge die vor meiner Haustür stehen, so sehr. Wenn man dann denkt, dass man sich vielleicht diese Traumwände nur noch anschauen und nicht mehr hochklettern kann, dann ist das sehr schmerzhaft.
Wichtiger als alle Berge dieser Welt war mir, dass die Füße wieder gesund werden.


Eines deiner Bücher heißt „Bergsüchtig“. Würdest du dich als bergsüchtig bezeichnen und wenn ja, wie groß ist deine „Abhängigkeit“?
Ich habe es gespürt als ich mir die Zehen erfroren hatte und ein Jahr lang, im Großen und Ganzen, nur mit Sandalen herumgelaufen bin. Da habe ich auf einmal gemerkt wie mir diese Dinge fehlen. Solange du gehen kannst ist das so normal und plötzlich haben sie mir gefehlt.
Das du süchtig bist, das spürst du jedes Mal wenn du zum Beispiel in einem ganz hohen Lager, in der Früh im Morgengrauen aufbrichst und raus gehst in die Kälte, raus aus dem Schlafsack. Für Geld kannst du so etwas nicht machen, das machst du nur wenn du süchtig bist. Ansonsten tust du dir die Strapazen sowieso nicht an.


Wie kommst du auf die Ideen für deine Projekte? Man wacht ja nicht eines Morgens auf und beschließt zum Beispiel die vier Matterhorn-Grate in 24 Stunden zu besteigen.
Das habe ich eigentlich immer schon gehabt, dass ich gerne mit den Kollegen herum spinne und plötzlich merkst du auf einmal: Diese Spinnerei über die wir gerade gesprochen haben, die ist gar nicht so weit weg. Und so entstehen meistens die schönsten Ideen. In einer netten Runde wo jeder einmal „ausflippt“. Oft habe ich mir gedacht, du musst eigentlich etwas Unmögliches probieren, dass das Unmögliche möglich wird. Ich freue mich irgendetwas zu probieren und wenn es nicht geht, dann ist es OK und wenn es geht dann denkst du dir, „Das war jetzt aber wirklich toll, zum Glück habe ich diese Idee gehabt.“ Von diesen Ideen habe ich noch viele, nur sind die nicht mehr so in dem harten Wettlauf wie ich ihn 25 Jahre betrieben habe. Ich möchte mich auch etwas distanzieren und Ziele verfolgen die ich immer vor mir weg geschoben habe und vor allem, viel mehr das Ganze um die Berge herum erleben, was ich jahrelang versäumt habe. Ich war wahnsinnig gipfelorientiert, habe nur die Wände und die Gipfel gesehen und das Andere zu wenig.

Wie sehr brauchst du Alleingänge?
Als junger Kletterer war ich oft allein, weil keine Partner da waren. Wenn ich zurück denke, dann erlebst du einen Berg oder eine Wand am intensivsten wenn du alleine bist, ganz frei, ganz ohne Seil. Das habe ich auch einige Male auf den hohen Bergen gesucht.
Zum Teil war es aber auch, weil es im letzten Moment mit dem Partner nicht geklappt hat und anstatt schnell einen Neuen zu suchen, habe ich mir gedacht, gehst du besser alleine. Du kannst Niemandem sagen, „Du pass auf, willst du mit mir auf den Everest gehen? Morgen starten wir!“, das geht nicht; du brauchst viel Vorlaufzeit. Mir ist es ein paar Mal passiert, dass der Partner ausgefallen ist und plötzlich nicht mehr konnte; deswegen war ich eben alleine unterwegs oder bin am letzten Tag alleine zum Gipfel aufgebrochen, weil der ein oder andere umgedreht hat.
Intensiv ist es schon, alleine unterwegs zu sein.


2003 am Nuptse East hast du über eine unbekannte Route die Erstbesteigung versucht. Während des Aufstiegs stellte sich heraus, dass auch eine russisch-kasachische Expedition über die klassische Route die Erstbesteigung versucht. Entstand während des Aufstiegs zwischen euch eine Art Wettkampf oder hat sich jeder auf seine Sache konzentriert?
Von meiner Seite aus gab es dort überhaupt keinen Wettkampf. Nur ein Beispiel:
Babanov, das ist einer der Russen, ein super Alpinist, ein toller Mensch, ich kannte ihn vom Namen, war aber nie mit ihm unterwegs: Ihm ist ein Schalenschuh gebrochen und er hatte keine Reserve dabei. Ich hatte zufällig ein Paar in seiner Größe gehabt. Selbstverständlich gibst du ihm den Schuh, dass er weitermachen kann. Wenn ich gesagt hätte, „Wir haben leider Gottes auch keinen“, dann hätte ich, wenn es ein Wettlauf gewesen wäre, die Sache beenden können. So etwas macht mich aber nicht glücklich, das wäre eine hinterhältige Aktion. Jeder hat probiert das Beste zu geben und gescheitert sind wir im Endeffekt alle.


Offizielle Listen führen deine Besteigung der Shishapangma nur als Besteigung des 8008m hohen Mittelgipfels, nicht aber des 19m höheren Hauptgipfels.
Planst du noch einmal zu einer Besteigung aufzubrechen oder willst du es beim Mittelgipfel belassen?

Nein, eigentlich gar nicht. Das ich nicht am richtigen Gipfel war habe ich erst im Nachhinein mitbekommen. Ich habe ihn angepeilt und am Gipfel einen Eispickel mit den Resten einer Fahne gefunden, habe ihn mitgenommen, ein paar Bilder gemacht und habe den anderen Gipfel gar nicht gesehen; er lag in leichten Wolken. Das ist aber keine Entschuldigung. Ich habe mich mit diesem Thema zu schlecht befasst, denn dieser Berg war der Vorbereitungsberg für den Everest. Es waren aber auch zwei Kollegen am Tag zuvor oben, denn wir waren eine Gruppe die ich damals organisiert hatte, und die haben es auch nicht realisiert.
Die Shishapangma ist der einzige 8000er für den zwei verschiedene Besteigungslisten geführt werden, denn 70% der Shishapangma-Besteiger standen auf dem Mittelgipfel und nur 30% sind rüber zum Hauptgipfel.
Ob ich jetzt offiziell 12 oder 13 8000er bestiegen habe – für mich war es ein 8000er, er ist ja höher als 8000. Wenn ich alle 14 besteigen wollte, dann müsste ich noch einmal dorthin, denn sonst wäre es nicht korrekt.


1983 warst du mit Reinhold Messner zu einer Winterbesteigung am Cho Oyu, bei der ihr, wie zu Anfang angesprochen, leider gescheitert seid. Seit über einer Woche werden nun Gerfried Göschl und sein Team am Hidden Peak vermisst. Hoffnung besteht kaum noch und die Rettungsaktionen wurden eingestellt.
Wollte Gerfried zu viel oder waren die Verhältnisse einfach zu schlecht? Kann man das als „Außenstehender“ in irgendeiner Weise einschätzen?

Ich glaube da wäre jedes Urteil fehl am Platz. Winterbegehungen sind sehr, sehr hart, sind sehr, sehr kalt. Das Restrisiko im Winter ist sicherlich deutlich größer als im Sommer. Auf den hohen Bergen gibt es ein großes Restrisiko und wenn ich das als Außenstehender mitbekomme, dann tut es mir einfach Leid, denn es sind ja Gleichgesinnte; aber ein Urteil würde ich mir nicht erlauben. Manche erlauben sich Urteile und verbreiten irgendwelchen Blödsinn. Das wäre in meinen Augen ungerecht. Mir tut es einfach Leid. Ich bin froh, dass mir nicht solche Sachen passiert sind. Es hätte leicht passieren können, immer wieder, mit Sicherheit.

2007 hast du mit Karl Unterkircher den Jasemba über die Südseite bestiegen. Zuvor warst du 2005 und 2006 bereits gescheitert und hast dabei sogar deinen Kameraden Luis Brugger verloren. Im Mai 2004 hattest du den Berg zum ersten Mal gesehen und warst seitdem von ihm begeistert.
Wie groß war die Enttäuschung, als sich später heraus stellte, dass nicht ihr, sondern eine slowenische Expedition 2004 die Erstbegeher dieser Route waren?

Was 100%ig sicher ist, ist dass die Route noch absolutes Neuland war. Die Slowenen waren rechts in der Ostwand unterwegs. Die Himalaya-Chronistin Miss Hawley hat mir bestätigt, dass da einmal eine Expedition war, die aber ohne Genehmigung unterwegs war, also nicht offiziell. Sie hat mir auf einem Bild einfach mit einem Kugelschreiber Kreise gemacht, „sie waren ungefähr da oder da“. Wenn sie auch oben waren dann ist das OK. Ich habe das nicht gewusst und bin mir auch nicht sicher, inwieweit das alles stimmt. Auf jeden Fall waren sie ohne Genehmigung unterwegs und auch nicht auf meiner Route; diese sehr, sehr schöne Route war absolutes Neuland.

Vor kurzem hattest du beim Skifahren auf der Piste einen schweren Unfall bei dem du dir einen Nierenriss und einen Rippenbruch zugezogen hast. Wie sehr wurmt ein solcher Unfall einen extremen Skifahrer wie dich?
Das ist eigentlich schon schwer zu kapieren. Das war eine der leichtesten Pisten in Südtirol. Ich war mit dem Blick irgendwo draußen in der Prärie und plötzlich habe ich einen Schneebrocken zwischen den Beinen; lag und stand schon wieder. Stunden später musste ich ins Krankenhaus. Das Atmen war so was von mühsam. Dann stellte sich diese Verletzung raus. Es war ganz genau eine Woche bevor ich eine längere Vortragsreihe begonnen habe. Diese Verletzung habe ich mir genau im richtigen Moment geholt. Eine Expedition oder irgendetwas anderes hätte ich sofort absagen müssen, keine Chance. Jetzt sind drei Wochen vorbei und ich kann sagen, dass ich fast wieder hergestellt bin; dann kann man über solche Kleinigkeiten eigentlich nur lachen. Da stehe ich drüber.

Du bist bei deinen Expeditionen immer sehr schnell, leicht und ohne künstlichen Sauerstoff unterwegs. Kannst du es verstehen, wenn Leute auf einen hohen Berg steigen und dabei Flaschensauerstoff zur Hilfe nehmen?
Ich akzeptiere es schon, wenn sie das Leergut wieder mit runter bringen, dann möchte ich nicht den Papst spielen und sagen: „Du darfst das nicht!“ Ich lasse den Alpinisten einfach die Freiheit. Aber ich sage immer wieder, der Unterschied die höchsten Gipfel der Welt, mit oder ohne Sauerstoff anzugehen, das ist so gravierend, wie wenn jemand bei einem Radrennen mit einem Leichtmotorrad mitfahren würde.
Wenn ich Höhenbergsteigen möchte, dann mache ich es auch. Wenn ich Sauerstoff nehme, dann bin ich zwar beim Höhenbergsteigen, aber im Endeffekt betrüge ich mich selbst, da ich mir die Höhe wegnehme. Ich habe das immer aus sportlichen Gründen abgelehnt, werde auch nie daran denken irgendwann einmal so eine Sauerstoffmaske zu nehmen. Die nehme ich nur zum Tauchen.


Du unterstützt viele Projekte, vornehmlich in Tibet und Nepal. Liegt dir eines dieser Projekte besonders am Herzen?
Zusammen mit Bayern und Österreich sind wir seit 17 Jahren aktiv und haben immer etwas gemacht, jedes Jahr immer irgendeinen Bau: Viele Schulen; circa 4000 Kinder werden dort unterrichtet.
Was mir persönlich sehr am Herzen lag, weil ich auch die Entwicklung sehr genau beobachten konnte, ist ein Kinderheim für die Waisenkinder.
Vor kurzem ist die erste Kinder-Blindenschule in Nepal fertig gestellt worden und da möchte ich unbedingt demnächst einmal hin und mir das anschauen. Das liegt mir am Herzen, denn ein blindes Kind hat in solchen Ländern eigentlich keine Chance.
Das Alles macht eben Freude. Es ist wirklich schön, vor allem wenn man die Bauten sieht und sie besucht. Dann geht man raus und ist ganz glücklich und ausgeglichen. Eine schöne Sache.


Was sind deine Pläne für die Zukunft? Auf welche Expeditionen und Projekt dürfen wir uns freuen?
Mein Plan für die Zukunft sind die Matterhörner der Welt. Auf meinen ganzen Reisen habe ich mehrere gesehen. Gipfel die genauso ausschauen wie das Matterhorn, richtig formschöne Gipfel. In Indien, Pakistan, Nepal und in der Schweiz habe ich sie schon. Es gibt aber einige, zum Beispiel einen in Russland, wenn man da zwei Bilder gegenüberstellt, das Schweizer Matterhorn und das russische, dann erkennt man den Unterschied nicht; auch nicht als Fachmann. Das ist so ein bisschen ein Gag, die schönen Berge. In Norwegen steht auch einer. Diese Berge sind weg vom Wettlauf, das sind schöne Alpin-Geschichten. Ich habe 25 Jahre den Wettlauf gemacht und leider Gottes habe ich dabei auch Kollegen verloren. Jetzt bin ich 55 geworden, mir tut nichts weh, aber trotz allem möchte ich mich jetzt von diesem Wettlauf einfach distanzieren und so schöne Projekte anpeilen, die ich viel aus der Routine heraus angehen kann.
Beginnen, das ist auch ganz interessant, möchte ich im Mai, in Alaska, am King Peak. Da werde ich noch einmal zum Mount Logan (zweithöchster Berg Nordamerikas) zurückkehren, denn da ist irgendetwas nicht in Ordnung – vielleicht, ich bin mir selbst nicht sicher, ich bin mir nicht sicher ob wir nicht den Gipfel verwechselt haben.
Ich war mir sicher, dass wir auf dem richtigen Gipfel waren. Die sind nur wenige Höhenmeter auseinander, aber doch ziemlich entfernt; es gibt sieben Gipfel. Anscheinend ist ein eingeeister Pickel oben, den Konrad Auer, ich habe ihn angerufen und gefragt, und ich nicht gesehen haben. Wir hatten kein GPS dabei, nur eine Militärkarte ohne Höhenangaben, wo die Gipfel zwar drin waren, aber ohne Namen und Höhen. Wenn wir es verwechselt haben könnten, wo ich selbst zweifle, dann wird natürlich diese Wunde, dieser Fehler korrigiert. Inzwischen kommen da ganz freche Angriffe auf mich rein, auch von ein paar Journalisten, sicher aufgehetzt von anderen Bewerbern, aufgehetzt mit Sicherheit auch von Stangl, was mich ein bisschen enttäuscht, was ich natürlich auch ganz offen sage.
Natürlich korrigiere ich das auf jeden Fall. Vielleicht war es wirklich der Richtige und der andere ist der Falsche. Ich bin mir nicht sicher. Da oben muss ich noch einmal hin. Ich möchte das sauber abschließen, wenn es der Fehler war.


http://www.kammerlander.com/

http://www.nepalhilfe.org/

8 Gedanken zu „Interview mit Hans Kammerlander“

    1. Danke dir Bernd.
      Hans ist im Interview so, wie man ihn auch aus seinen Vorträgen und Filmen kennt.
      Er hat eine sehr sympatische Art und obwohl er viel erreicht hat und 25 Jahre Teil des alpinen Wettkampfes war, ist er auf dem Boden geblieben, wirkt nicht überheblich oder arrogant und stellt sich allen Fragen.

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