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Interview mit Benedikt Böhm

Geboren 1977 in München, Wehrdienst, Studium (International Management) in Oxford, Austauschsemester in Amerika, danach Angestellter und jetzt Geschäftsführer.
Ein Lebenslauf der sicherlich auf einige Menschen zutrifft, aber bei Benedikt Böhm steckt noch mehr dahinter.
Nicht nur, dass er seit seinem 11. Lebensjahr Leistungssportler ist und seitdem einige Erfolge erzielen konnte, unter anderem zweimal den zweiten Rang bei der Patrouillie des Glaciers (2008 und 2010), sondern auch mit seinen Speed-Ski-Expeditionen an den höchsten Bergen dieser Welt, sorgt er seit 2005 regelmäßig, mit seinem früheren Schulkameraden Sebastian Haag, für Aufsehen.
Als Geschäftsführer von Dynafit ist Benedikt Böhm sicherlich der richtige Mann, am richtigen Ort.


Benedikt, du bist in München aufgewachsen und bist so sicherlich früh zum Skifahren gekommen. Wie wird man aber Ski-Bergsteiger bzw. Mitglied in der Deutschen Nationalmannschaft Skibergsteigen?
Meine Eltern sind überhaupt nicht aus dem Sportbereich und ich bin nie mit ihnen zum Skifahren gegangen; sie fahren auch beide überhaupt kein Ski.
Das kam damals alles eher durch meinen älteren Bruder. So bin ich mit meiner überschüssigen Energie, im Sommer, zum Skilanglauf gekommen und hatte aber auch keiner Ahnung was da im Winter auf mich zukommen wird. Im Skiclub Hochvogel lief dann alles extrem diszipliniert und mit fortschrittlichen Trainingsmethoden und sehr hartem und leistungsorientiertem Training ab und so bin ich dann in den Leistungssport hinein gewachsen.
Durch den Skilanglauf kam ich dann zum Skibergsteigen, aber eher unbewusst: Wir hatten eine Hütte zum trainieren am Tegernsee und mussten mit Fellen an den Skiern aufsteigen, da das Wachs nicht mehr geholfen hat. Da haben wir dann auch immer wieder ein paar Berge gemacht und später kam es dann durch Freunde, dass ich immer mehr ins Skibergsteigen hinein gewachsen bin. Durch die Bundeswehr ging es dann weiter und irgendwann habe ich erkannt, dass es ohne viel Aufwand recht gut geht und so hat es sich mehr und mehr heraus kristallisiert.
Ich habe von Wettkämpfen erfahren und das hat mich dann total fasziniert. Im Gegensatz zum Skilanglauf, wo ich natürlich auch viele Wettkämpfe bestritten habe, aber das hat mir lange nicht so gelegen wie das Skibergsteigen. Physisch hat es mir schon gelegen, aber nicht vom Spaßfaktor, weil das Skibergsteigen durch das bergauf und bergab viel explosiver und spannender ist.


Wie kam es dazu, dass es dich dann irgendwann an die höchsten Berge der Welt gezogen hat?
Die Sportart Skibergsteigen hat mich so gepackt, ich kam in die Nationalmannschaft, habe zeitgleich bei Dynafit angefangen und habe wirklich mein ganzes Leben nach diesem Sport ausgerichtet, weil ich davon so fasziniert war. Nach dem Studium hatte ich, jetzt rein objektiv gesehen, wahrscheinlich attraktivere Möglichkeiten, und ich habe mir aber zum Glück ganz klar gesagt: „Ich möchte das machen, das ist mein Weg.“
Dann hat sich das einfach gesteigert. Wir haben angefangen uns immer größeren Aufgaben zu stellen – von Wochenende zu Wochenende. Zum Beispiel Großvenediger und Großglockner an einem Tag, was vorher schon toll war, wenn wir an einem Tag einen von diesen beiden Bergen geschafft haben, oder den Mt. Blanc an einem Tag oder in sechs Stunden, im Monte Rosa haben wir einmal sieben 4000er gemacht. Wir haben viele solcher Aktionen gemacht und gemerkt, dass wir gut sind.
Irgendwann kam es, dass wir auch mal über die Alpen hinaus etwas sehen wollten und so sind wir nach Peru und haben dort unsere ersten Höhenerfahrungen gesammelt. Wir haben uns völlig fertig gemacht, ein völlig katastrophaler Urlaub, wenn man es so nennen kann, mit Krankenhausaufenthalt – es war echt Wahnsinn. Durch diese Schmerzen haben wir aber viel gelernt und sind dann 2005, ein Jahr nach Peru, zu unserer ersten Speed-Begehung zum Muztagata aufgebrochen. Da waren wir schon wesentlich fokussierter und haben verstanden, dass es funktionieren kann, wenn man sich gescheit anstellt und ein paar Regeln beachtet, die wir schmerzvoll erlernen mussten.
Dann kam der erste 8000er und so ging es weiter. Es gab viele schöne Erfolge und auch Misserfolge, die uns wahrscheinlich oft noch viel weiter gebracht haben oder uns noch mehr unsere Grenzen aufgezeigt haben.


2006 Gasherbrum II, 2007 Manaslu, 2009 und 2010 Broad Peak.
Wie bereitest du dich auf deine Speed-Besteigungen vor? Hast du da einen speziellen Trainingsplan?

Ich hatte zwar Trainingspläne, aber ich habe mich noch nie an einen gehalten oder angeschaut. Ich bin durch den Beruf relativ viel im Stress und der Sport ist für mich immer noch ein Ausgleich, der zwar mehr ist als ein Hobby, aber ich habe überhaupt keine Lust mich an Trainingspläne zu halten. Ich trainiere einfach, erstens: Wann immer es geht, was oft auch nachts ist oder wann auch immer, und zweitens: Je nachdem wie es mir geht. Ich will mich nicht nach Irgendetwas richten, was sicherlich falsch ist, denn man könnte noch mehr rausholen, aber auf der anderen Seite kenne ich meinen Körper inzwischen so gut. Obwohl ich seit den letzten zehn Jahren einer immer größeren, gefühlten Belastung ausgesetzt bin, sowohl beruflich als auch durch private Projekte, habe ich noch keinen einzigen Krankheitstag. Ich weiß zum Glück einigermaßen wo meine Grenzen sind und deshalb genieße ich es einfach ohne Trainingsplan.
Speziell bezogen auf die 8000er bin ich eigentlich immer in der Vorbereitung. Ich habe immer das Bedürfnis raus zu gehen und immer das Bedürfnis zu trainieren. Ich trainiere wann immer es möglich ist. Für besonders steile Abfahrten habe ich zum Beispiel Steilwand-Fahren trainiert; einfach auf die jeweiligen spezifischen Anforderungen des Berges ausgelegt. Bezogen auf das Trainingspensum versuche ich möglichst viel zu trainieren und gerade die großen Umfänge sind gut für die Expeditionen. Möglichst lange unterwegs sein und oft, wenn es die Zeit hergibt, 5000 bis 6000 Höhenmeter an einem Stück und Touren mit 12 bis 16 Stunden.


Normalerweise wendet man beim Höhenbergsteigen die Lagertaktik an, steigt auf und wieder ab, pendelt zwischen den Lagern und wagt irgendwann den Gipfelvorstoß.
Du und Sebastian haltet am Muztagata (Pamir-Gebirge, China, 7509m) den Geschwindigkeitsrekord. Insgesamt 10 Stunden und 41 Minuten für einen Aufstieg über 3100m, mit kurzer Gipfelrast und anschließender Abfahrt.
Wie akklimatisierst du dich für solche Vorhaben? Geht das überhaupt?

Ganz am Anfang haben wir den großen Fehler gemacht und uns schlecht akklimatisiert.
Jetzt sind wir am Berg und dann akklimatisieren wir uns. Am Mustagata waren wir schon einmal vorher am Gipfel und Gasherbrum waren wir auch einmal vorher oben. Das kostet natürlich viel Kraft, aber gibt uns auch den Vorteil, dass man perfekt akklimatisiert ist und alles vorher schon einmal gesehen hat.
Die bestmögliche Akklimatisation bzw. je nachdem wie gut wir sie abgeschlossen haben, entscheidet dann auch darüber, wie gut wir an diesem einen Tag sein werden – wie schnell, und ob alles gut klappt. Sind wir schlecht akklimatisiert, haben wir keine Chance.


Als Leistungssportler bringst du einen gewissen Ehrgeiz und Siegeswillen mit. Gerade an den hohen Bergen muss man aber auch oft zurückstecken und notfalls umdrehen, so wie ihr 2007 am Manaslu 400m unterhalb des Gipfels.
Wie hast du gelernt mit solchen Situationen umzugehen und wie schwer fällt dir die Entscheidung umzudrehen und dich der Natur und dem Berg geschlagen zu geben?

Es fällt schon extrem schwer umzudrehen, weil man es gar nicht glauben kann, dass man es nicht schafft, vor allem, da man sich schon so lange damit beschäftigt. Ich trainiere immer, aber ich habe das Ziel schon während des Trainings im Kopf. Immer, jeden Tag, ich schlafe damit ein und wache damit auf. Es ist ein Schwungrad das in Gang kommt. Du stimmt alles darauf ab. Es ist der einzige Urlaub im Jahr, es ist die Zeit in der ich auch meine Familie nicht sehe, wo ich mich 100% egoistisch diesem Ziel widme und wo auch ein großer finanzieller und logistischer Aufwand dahinter steckt. Insofern fällt das Umdrehen wahnsinnig schwer.
Auf der anderen Seite habe ich noch nie mit mir gezaudert, dass ich in diesem Moment gesagt habe: „Ich muss jetzt doch um jeden Preis weiter.“ Wenn ich umdrehe, dann hat das schon seinen Grund. Ich möchte noch lange Skibergsteigen und da möchte ich mich nicht für irgendeinen vermeintlichen Versuch hingeben.
Wir gehen immer an die Grenzen und wenn es nicht geht, dann ist es auch richtig. Ich bin froh, dass wir das gelernt haben und umdrehen können, denn das kann auch nicht jeder und es ist oft viel schwieriger als weiter zu gehen.


Was isst und trinkt man während einer solchen Speed-Besteigung? Das klassische Schneeschmelzen und die Essenszubereitung entfallen da ja sicherlich.
Meistens haben wir 2-3 Liter Flüssigkeit dabei, im Camelbak, dass direkt an den Körper getaped ist um vorm Einfrieren geschützt zu sein. Zum Essen gibt es, zumindest bei mir, immer Powergels. Man hat in der Höhe sowieso fast keinen Hunger und ich habe 20 bis 30 Powergels dabei. Da versuche ich dann jede halbe Stunde eins zu essen, auch wenn ich keine Lust und keinen Hunger habe, aber ich weiß, dass mein Körper das braucht um nicht abzufallen.
Wenn es dann Richtung 8000 Meter geht, dann wird es immer härter diese Versorgung aufrecht zu halten, weil der Geist und der ganze Körper wie in einem Trott runtergefahren sind. Das ist so schwierig da noch etwas zu sich zu nehmen und meistens nimmt man die letzten paar Stunden gar nichts mehr zu sich und versucht nur noch nach oben zu kommen und wieder runter.


Die enorme Geschwindigkeit setzt natürlich auch entsprechende Ausrüstung voraus. Wie sieht das bei euch aus? Mit welcher Ausrüstung seid ihr unterwegs? Hightech oder „normale“ Ausrüstung?
Dynafit hat viel durch diese Expeditionen entwickelt. Viele Skier sind, inspiriert durch irgendwelche Expeditionen von uns oder auch von anderen Athleten, entstanden. Dadurch bestand ein Großteil unserer Ausrüstung immer aus Prototypen. Keine richtigen Prototypen, denn ich würde nicht mit Skiern auf Expedition aufbrechen, die ich vorher nicht ausprobiert habe. Es waren Sachen in die wir Vertrauen hatten und die während der Expeditionen weiterentwickelt wurde. Das Feedback geht direkt vom Basecamp an die Produktion; sowohl bei Schuhen und Skiern, als auch bei Bindungen.
Viele der Produkte, ungefähr 95%, kommen genauso auf den Markt, andere sind sehr spezifisch, kommen vielleicht auch auf den Markt wenn sie die Stückzahl abgeben oder sie kommen eben in modifizierter Art auf den Markt. Sie werden dann etwas kommerzieller gemacht, denn oft sind die Produkte zu speziell und können nur von einer handvoll Leuten genutzt werden. Dynafit steht dafür, dass wir im Grenzbereich unterwegs sind und dadurch machen wir auch kleinste Serien für Produkte, die nicht unbedingt immer rentabel sein müssen, weil wir sagen: „OK, das sind wir dieser Sportart schuldig.“ Wenn wir einen Ski für eine Expedition entwickeln, dann machen wir auch nach der Expedition weiter. Der „Broad Peak“ wurde zum Beispiel sehr gut vom Markt angenommen, obwohl es ein sehr spezieller Ski ist. Andere, wie der „Nanga Parbat“, mit dem Luis Stitzinger die erste Skibefahrung der zentralen Diamirflanke gemacht hat, sind super für diesen Einsatzbereich, wenn man die Diamirflanke befährt, aber da gibt es dann nicht so viele Leute, die mit solch einem Ski Spaß haben.


Stichwort Gewicht: Mit leichter und minimaler Ausrüstung verzichtet man irgendwo auch auf einen Teil an Sicherheit. Eine leichte Daunenjacke hält nicht so warm wie eine schwere und wenn die Getränke leer sind, hat man keinen Kocher zum Schnee schmelzen.
Wie schafft man die Balance zwischen optimaler Ausrüstung und den nötigen Sicherheitsreserven?

Ich würde niemals sagen, dass es gut oder richtig ist; jeder muss sich selbst für einen Stil entscheiden. Wir haben uns eben für die Speed-Begehungen entschieden: Minimales Gewicht, minimale Ausrüstung, minimale Logistik und mit absoluter Kompromisslosigkeit. Das hat die Vorteile, dass man nur ein kurzes Schönwetterfenster benötigt, dass man die Kraft von unten mitnimmt, denn umso kürzer man sich in der extremen Höhe aufhält, umso besser geht es einem selbst, da der Körper ständig an Energie verliert. Wir gehen von unten gut genährt und gut ausgeschlafen los, nehmen Energie mit und haben eben genau den Nachteil, dass uns die Rückzugsmöglichkeit eines Zelts fehlt und wir zum Beispiel auch keinen Kocher dabei haben. Das ist definitiv ein Problem, aber auf der anderen Seite sind unsere Hauptgegenmittel die Skier, die ein super Rückzugmittel darstellen. Wenn man das Hilfsmittel Ski beherrscht, dann kommt man innerhalb von kürzester Zeit wieder ins Basecamp.
Wir sehen darin mehr die Vorteile und deswegen würde ich im Stil niemals tauschen wollen. Wir hinterlassen nichts am Berg, das geht zack-rein-raus, aber man benötigt auch die entsprechende Power dafür.


Viele Skibergsteiger sind im Sommer erfolgreiche Trailrunner und man trifft sie auf diversen Events und Ultraläufen auf der ganzen Welt. Was machst du im Sommer? Schon mal mit dem Gedanken gespielt an einen Trailrunning-Event teilzunehmen?
Ich habe absolutes Interesse und würde auch sofort wieder am Zugspitz-Ultratrail teilnehmen. Dort habe ich im letzten Jahr einen meiner ganz großen Misserfolge gefeiert.
Ein Bekannter hat mich angemeldet und ich wusste gar nicht was das ist. Auf einmal lese ich, zwei Wochen davor, über welche Distanz und wie viel Höhenmeter der Lauf geht. Da hatte ich dann nicht mehr besonders viel Zeit zum Vorbereiten. Nach dem Lauf bin ich dann wieder viel gelaufen, aber sonst laufe ich sehr wenig und fahre immer bis zum Ende Ski und danach bin ich auf Expedition oder bin viel mit dem Mountainbike unterwegs.
Beim Zugspitz-Ultratrail bin ich 2011 mitgelaufen und nach 55 Kilometern hat mir nicht die Puste gefehlt, aber mir hat es total das Kreuz zerlegt. Ich konnte nicht mehr laufen, mir hat alles so wehgetan, vor allem beim bergab laufen. Das hat mich aber sehr motiviert und ich wollte dieses Jahr unbedingt wieder mitlaufen und jetzt habe ich gesehen, dass auf dieses Datum auch noch ein Termin fällt den ich absolut nicht verschieben kann.
Mir macht es aber total Spaß und es ist eine geniale Sache. Es ist cool und die Szene ist witzig. Bergläufe habe ich schon immer viele gemacht und der Zugspitz-Ultratrail hat mich echt wieder richtig animiert.


Du bist Geschäftsführer bei Dynafit, dem bekannten Skitourenausrüster und seit dieser Saison auch Alpine Running- und Alpine Biking-Ausrüster.
Garantiert ein Traumjob für jeden, der in irgendeiner Weise outdoor-begeistert ist und sein Hobby zum Beruf machen möchte.
Lässt dir dein Job genügend Freiräume für deine Vorhaben oder ist es eher schwer alles unter einen Hut zu bekommen?

Ich glaube in einem anderen Job würde ich mehr zum trainieren kommen. Hätte ich mir den Job fürs Training ausgesucht, dann wäre ich sicherlich Lehrer geworden; ich kenne zwei Lehrer und die kommen echt viel zum trainieren. Auf der anderen Seite macht mir mein Job wahnsinnig viel Spaß und es verschwimmt bei mir alles. Wenn ich wochenweise unterwegs bin, komme ich oft gar nicht zum trainieren, habe aber das große Glück mit Menschen zu arbeiten, die alle irgendwo Das leben und die Begeisterung teilen. Das ist das Schöne an diesem Job und ich liebe, dass was ich lebe und mache.
Vom zeitlichen Aspekt gesehen, nehme ich mir die Zeit ab und zu. Auf der einen Seite gehen bei mir rund um die Uhr Emails aus aller Welt ein und auf der anderen Seite habe ich das Handy beim Sport nie dabei. Das ist meine Zeit und da schalte ich ab. Diese Zeit muss ich mir nehmen, erstens für mich und zweitens auch für den Beruf. Das ist wirklich die einzige Zeit in der ich auch mal kreativ denken kann und mir Gedanken über die nächsten Impulse mache. Diese Impulse braucht eine Firma unheimlich dringend, denn das Rad läuft ständig weiter und wenn da nicht jemand über die Zukunft nachdenkt, nicht nur ich sondern auch mein super Team, dann ist man ganz schnell wieder weg vom Fenster.


Die Entwicklung in der Outdoor-Branche schreitet stetig voran. Materialien werden leistungsfähiger und leichter. Aus dem einfachen Baumwollhemd, den schweren Bergstiefeln und den langen Holz-Skiern, sind mittlerweile High-Tech-Produkte geworden.
Ist da überhaupt noch Spielraum nach oben oder haben wir so allmählich die Grenze des Machbaren erreicht?

Ich glaube, dass es immer noch weiter geht. Wenn man die letzten fünf Jahre mit den letzten 50 Jahren vergleicht, dann kann man schon sagen, dass in den letzten fünf Jahren wahrscheinlich zehnmal soviel passiert ist, wie in den letzten 50 Jahren. Es sind überproportionale Schritte gemacht worden und der Markt hat sich auch dementsprechend vergrößert. Der Rennlauf macht es uns vor. Ich bin immer wieder erstaunt, was gerade dort an Selbstbauten entsteht, nur um noch ein Gramm zu sparen. Als ich angefangen habe, da waren 800 Gramm beim Ski das absolute Minimum und da gab es viele Brüche. Mittlerweile sind 600 Gramm Standard, 1/4 weniger und die Skier sind trotzdem wesentlich stabiler als damals. Man sieht also, geringes Gewicht und höhere Stabilität schließen sich nicht aus.
Ich glaube es geht weiter, wobei es vielleicht nicht mehr diesen großen Sprünge geben wird. Der Rennlauf ist da wie gesagt ein gutes Beispiel, denn die sind mindestens fünf Jahre voraus. Da sieht man manchmal schon Sachen, die einfach Wahnsinn sind. Wenn man es schafft, diese Produkte kommerziell, gerade im Bezug auf den preislichen Aspekt, zu vermarkten, dann wird es spannend. Im Moment kosten manche Schuhe weit über 1800 Euro und das ist dann schon eine Hürde, die dem Endkonsumenten nicht mehr zuzumuten ist.


Das Logo von Dynafit ist ein Schneeleopard. Was hat es damit auf sich?
Das kommt noch aus der Zeit der Marken-Übernahme. Gerade am Anfang musste ich mich oft dafür schämen, wenn ich den Leuten erzählt habe, dass ich für eine Skitourenmarke arbeite. Skitourengeher waren für die immer die „Bausparer“, die sich das Geld für den Liftpass sparen wollen. Das war teilweise schon extrem und auch im Handel gab es Skitouren nicht als eigene Sparte; da gab es die Alpinskier und irgendwo, wenn man mal danach gefragt hat, wurde aus der grauen Kammer irgendetwas herausgeholt. Dieses ganze Segment Skitouren gab es nicht wirklich, das war alles sehr klein.
Wir wollten diesen Sport einfach mal so darstellen wie er ist: Sexy, cool, jung, dynamisch. Es ist eine geile Sportart, aber es wurde überhaupt nicht so von der Öffentlichkeit verstanden oder empfunden. Im Gegenteil: Die meisten Skitourengeher die man vor zehn Jahren gesehen hat, waren ältere Leute. Man hat kaum die Jungen gesehen.
Mein Vorgänger Reiner Gerstner hat dann den kompletten Relaunch der Marke vorangetrieben. Wir haben das Skitourengehen komplett anders verkörpert. Da kam dann auch dazu, dass wir von diesem klassischen Logo, zu einem Logo gekommen sind, dass eben auch für die Marke steht, das für das steht was wir sein wollen.
Durch das Speed-Up, schnell hoch und schnell runter, sind wir auf den Schneeleoparden gestoßen, der ganz klar die Marke verkörpert. Er lebt zwischen 3000 und 5000 Meter, ist unheimlich dynamisch, völlig unsichtbar und ist eigentlich der König des Himalaya.
Er wird leider sehr selten gesichtet, da es nur noch sehr wenige Tiere gibt. Ich habe bisher immer nur Fußspuren gesehen und Felle von Jägern, die diese Tiere jagen und vor niemandem zurückschrecken, nur um die Felle für 10000 Euro nach China zu verkaufen.
Wir setzen uns sehr stark für den Erhalt der Schneeleoparden ein und haben immer wieder Aktionen, wie zum Beispiel das Höhenmeter-Sammeln am Schneeleoparden-Tag.


Wo siehst du Dynafit in fünf Jahren?
Ich glaube dass Dynafit ein wahnsinniges Potential hat auch im Sommer zu wachsen. Das wird sicherlich jetzt die größte Aufgabe und es ist auch eine historische Aufgabe als Ganzjahres-Marke zu wachsen.
Der Tourenbereich wird sich weiterentwickeln. Das „Skifahren mit Aufstiegsfunktion“, was auch sehr stark von den Alpin-Firmen gepusht wird, wird immer beliebter. Was früher uncool war ist eben jetzt sehr cool und ich glaube, dass man in fünf Jahren locker 50% der Leute beim „Skifahren mit Aufstiegsfunktion“ sehen wird. Die haben dann einen Schuh mit Aufstiegsfunktion, eine entsprechende Bindung und vielleicht sogar eine Fellfixierung. Ob sie es jemals nutzen werden oder nicht, ist dahingestellt. Das ist genauso wie hier viele Leute einen SUV fahren und niemals in den Bergen unterwegs sind.
Die Skifahrer werden sich so positionieren, weil einfach viele Leute auf diesen Zug aufspringen und weil es attraktiver ist, als das normale Skifahren, auch vom Image betrachtet. Genauso wie die Frage: „Warum fährt jemand einen SUV?“
Es wird im Skibereich eine ziemlich große Wandlung geben, was natürlich auch bedeutet, dass der ganze Markt für uns interessant bleiben wird, da natürlich einige der Alpin-Skifahrer auch bei uns landen werden. Wir nähern uns mit den Alpin-Firmen immer mehr an und bei der klaren Differenzierung zwischen Alpin und Touren wird es immer eine gewisse Schnittmenge geben. Der Markt wird insgesamt weiter wachsen.
Für Dynafit speziell wird es sicherlich die größte Herausforderung sein, diesen Sommer erfolgreich zu werden. Von der Marken-DNA betrachtet haben wir die Möglichkeit und auch von den Sportlern betrachtet, ist es kein großer Schritt. Wir müssen nicht die Marke verändern, wir bleiben wer wir sind, wir bleiben 100% uns treu und können trotzdem im Sommer aufholen. Ich bin mir sicher, dass es klappt.


Und wie schaut deine Zukunft aus? Welche Projekte warten noch auf dich?
Hans Kammerlander hält immer noch den Geschwindigkeitsrekord am Everest.

Am Mustagata kam das eher so mit und wurde von den Medien so aufgenommen. Mir ging es nie um Rekorde bei den ganzen Speed-Begehungen, sondern mehr um den Stil und das Experiment. Wie funktioniert es, den Skitourenrennlauf an die hohen Berge zu übertragen.
Ich freue mich jetzt wahnsinnig wieder rauszukommen. Wir sind erst am Mera Peak zur Akklimatisierung und gehen dann rüber zum Cho Oyu. Da sind super nette Leute dabei, aus der halben Welt, Dynafit-Athleten und gute Freunde. Darauf freue ich mich sehr und bin aber auch etwas traurig. Ich habe einen 18 Monate alten Sohn und da fällt es mir nicht mehr ganz so einfach, so lange weg zu sein. Man verpasst einfach einen Teil der Entwicklung und insofern haben sich die Prioritäten auch ein bisschen verschoben. Ich habe immer gesagt, dass es nicht unbedingt ein 8000er sein muss. Klar ist es genial, wenn man so etwas machen kann, aber ich kann genauso schöne Sache in den Alpen machen. Ich brauche jetzt nicht immer so einen Berg als ultimativen Kick.
Der Everest ist für mich so weit weg, weil es mich da immer so graust, wenn ich an diese vielen Menschen im Basecamp denke. Das ist genau das Gegenteil von dem was ich will. Ich will weg um runterzukommen.
Am Cho Oyu wird sicherlich mehr los sein, als damals am Manaslu, wo man sich sieben Wochen wie am Ende der Welt gefühlt hat, aber dafür glaube ich, werden wir am Mera Peak relativ alleine sein.


http://www.benediktboehm.de/

http://www.dynafit.com/de/

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