Merrell Trail Glove

Ende der 1960er kommen schlaue Köpfe in der Sportartikelindustrie auf die Idee, einen Schuh mit entsprechender Dämpfung zu entwickeln, die die auf den Körper wirkende Belastung verringern soll. Im Laufe der Jahre werden die Dämpfungssysteme immer ausgefeilter, komplexer und bieten immer mehr „Komfort“. Jeder Hersteller entwickelt seine eigene Technologie und 2005 gibt es sogar einen Schuh mit batteriebetriebenem Motor, der die Dämpfung nach jedem Schritt individuell anpasst.
Seit einigen Jahren findet man nun verstärkt Schuhe die genau in die gegensätzliche Richtung gehen.
Der amerikanische Hersteller Merrell hat ein breites Angebot solcher Schuhe, sowohl für den alltäglichen Stadtbummel, als auch für sportliche Aktivitäten.
Ein Schuh aus der Kategorie „Barefoot Run“ ist der Merrell Trail Glove.


Laufen in Barfußschuhen bedeutet: Laufen in minimalistischen Schuhen – ohne Dämpfung, ohne Fersensprengung. Im Prinzip ist es einfach nur ein Schutz für den Fuß. Schutz vor Kälte, hartem Untergrund, spitzen Steinen und allem was man barfuß aus dem Weg gehen würde.

Dass an diesem Schuh nicht viel dran ist, das merkt man schon wenn man ihn in die Hand nimmt, ihn knickt und zusammendrückt. Mit „herkömmlichen“ Laufschuhen geht so etwas im Normalfall nicht. Auch wenn man den Schuh anzieht und die ersten Schritt macht, merkt man sofort den deutlichen Unterschied.
Zum einen macht sich das geringe Gewicht bemerkbar und zum anderen die fehlende Fersensprengung. Als Fersensprengung bezeichnet man die Absatzhöhe, also den Höhenunterschied zwischen Ferse und Vorfuß. Bei „herkömmlichen“ Laufschuhen findet man Modelle mit einer Fersensprengung von 9mm – 17mm.
Der Merrell Trail Glove hat keine Fersensprengung. Zwischen Ferse und Vorfuß gibt es also keinen Höhenunterschied; eben wie wenn man barfuß läuft.

So kommt man in den Schuhen zurück zum natürlichsten Laufstil, dem Laufstil mit dem irgendwann einmal alles angefangen hat.
Vorweg gilt es aber zu beachten, dass sich die Füße über die Jahre an einen anderen Stil angepasst haben und viele Muskeln und Bänder nicht mehr wissen was sie zu tun haben.
Das bedeutet: LANGSAM ANFANGEN!
Es ist nicht verwerflich wenn man zu Beginn nur wenige hundert Meter in den Schuhen läuft; auch wenn man normalerweise locker einen Halbmarathon läuft.
Langsam anfangen und nach und nach den Umfang steigern. Der Körper wird es einem danken.

Das Oberfutter des Trail Glove besteht aus Mikrofaser und atmungsaktivem Mesh. Die Merrell Omni-Fit Schnürung sorgt für eine gute Passform und die gummierte Zehenschutzkappe schützt Schuh und Fuß. Eine 4mm dicke gepresste EVA Zwischensohle schütz die Fußsohle und die Vibram Trail Glove Sole / Rubber Compound TC-1 sorgt für den nötigen Grip.

Hält man diesen leichten Schuh (442g/Paar, Größe 46) das erste Mal in den Händen kann man es kaum erwarten ihn anzuziehen. Das tolle Design und die Erwartung auf das neue Gefühl verstärken diesen Drang.
Der Einschlupf ist relativ eng und man sollte die Schnürung großzügig öffnen um angenehm in den Schuh zu schlupfen. Ist man dann im Schuh kommt dieser „Aha-Effekt“: Ich bin drin, aber irgendwie ist es so anders.
Die enge Passform des Schuhs sorgt für einen optimalen Sitz nah am Fuß und durch das einfache und wirkungsvolle Schnürsystem lässt sich der Schuh optimal anpassen und „sitzt wie ein Handschuh“. Leider lassen sich die Schnürsenkel nirgendwo verstauen, so dass man sie entweder frei rumbaumeln lässt oder sie unter die Schnürung klemmt. Eine kleine Fixierungsmöglichkeit wäre eine tolle Sache um ein Verfangen der Schnürsenkel zu vermeiden. Trotz der fehlenden, wünschenswerten Fixierung kam es aber nicht vor, dass sich die Schnürsenkel während des Laufens von alleine lösten. Nur beim Lauf durchs Unterholz verfängt man sich unter Umständen ein bisschen.

Socken trage ich in den Schuhen keine. Das Microfaser Fußbett ist antibakteriell behandelt und schränkt unangenehme Geruchsbildung ein und zudem kann man die Schuhe notfalls einfach unter kaltem Wasser abspülen. Das dünne, luftige Mesh-Gewebe lässt sehr viel Luft durch und das spürt man barfuß natürlich besser als mit Socken. Natürlich lässt das Gewebe auch Wasser durch und nach der ersten Pfütze spürt man auch sofort das Wasser am Fuß, aber dafür geht es auch genauso schnell wieder raus. Eine entsprechende Membran würde zwar vor Wasser schützen, den Schuh aber auch schwerer machen, ihm die angenehme Luftdurchlässigkeit nehmen und letztendlich den minimalistischen Eindruck etwas dämpfen. Sicherlich ist der Schuh bei eisigen Temperaturen auf dem Weihnachtmarkt, ohne große Bewegung, fehl am Platz, aber beim Laufen hat man ganz schnell wieder warme Füße; auch wenn es zu Beginn etwas kalt ist.
Probleme mit Blasen oder Druckstellen habe ich mit diesem Schuh nicht. Die enge Passform, speziell im Fersenbereich, sorgt für einen festen Sitz und das verarbeitete Material trägt ebenfalls zu einem angenehmen Tragekomfort bei.
Da durch diese Art Schuh, das Laufen auf dem Vor- bzw. Mittel-Fuß „erzwungen“ wird, ist er im vorderen Bereich wesentlich breiter als im hinteren Bereich.

Das rührt ganz einfach daher, da die Fußzehen bzw. der gesamte Vorfuß bei einer entsprechenden Landung in diesem Bereich gespreizt werden und somit Platz brauchen um sich nach links und rechts auszubreiten. Eine schmale Schuhspitze würde das nicht zulassen und die Zehen würden eine unnatürliche Haltung einnehmen.

Aber wie macht sich der Schuh nun auf den verschiedensten Untergründen?
Das Laufgefühl ist, wie sollte man es von einem minimalistischen Barfuß-Schuh auch anders erwarten, sehr direkt und man spürt den Unterschied der verschiedenen Bodenbeläge. Im Stadion, auf weichem Untergrund, aber auch auf der Straße und auf Waldwegen lässt sich der Schuh angenehm laufen und ist auch für Anfänger ohne entsprechende „Abhärtung“ sehr gut geeignet. Sobald der Untergrund steinig wird und grobe Strukturen auftauchen, stößt die dünne Sohle allerdings an ihre Grenzen.
Im Vorfußbereich ist die Sohle etwas gröber und zudem ist der Vorfuß auch nicht so empfindlich wie der Mittelfuß und die Fußwölbung, was dazu führt, dass man als konsequenter Vorfußläufer sicherlich weniger „Probleme“ auf steinigem Untergrund hat, als der Mittelfußläufer. Wenn es bergauf geht, dann darf der Untergrund auch mal etwas gröber sein, da man auch hier mehr im Vorfuß-Bereich läuft und zudem durch das langsamere Tempo etwas mehr Kontrolle hat und besser auf den Untergrund reagieren kann. Bergab kann es dann schon mal etwas schmerzhaft werden, wenn man unglücklich auf einem spitzen Stein aufkommt.
In rasanten Downhill-Passagen wird die Muskulatur aufgrund der fehlenden Dämpfung und Stabilisierung wesentlich mehr gefordert, was auch hier einen langsamen Einstieg und die richtige Dosierung der Intensität erforderlich macht.

Auch auf feuchtem Untergrund bietet die Sohle sehr guten Grip und das Profil hält was es verspricht.
Während der Anfänger am besten beraten ist, wenn er sich einen entsprechend angenehmen Untergrund sucht um langsam an die Sache heran zu gehen, kann der abgehärtet Fortgeschrittene mit der dünnen Sohle auch auf wesentlich gröberen Untergründen laufen.

Es muss allerdings nicht immer das Laufen sein, denn auch auf der Slackline macht der Trail Glove eine gute Figur. Die fehlende Stabilität der Sohlenkonstruktion ermöglichen zwar keine Sprünge und keine seitlichen Landungen auf der Line, aber für jemanden der einfach nur ein bisschen slackt, gerne barfuß unterwegs ist um das Gefühl für die Line zu bekommen, aber Angst hat sich die Füße auf dem Boden zu verletzen, ist der Schuh ein guter Kompromiss.

Der Merrell Trail Glove ist ein toller Schuh, der sich ideal als Einstiegsmodell eignet, aber auch danach noch zum Einsatz kommt. Eine optimale Passform und der angenehme Tragekomfort machen ihn zu einem treuen Begleiter, der sich, im Vergleich zu Modellen anderer Hersteller, auch nicht vor dem Alltags-Einsatz verstecken muss. Größentechnisch fällt er bei mir etwas kleiner aus als andere Schuhe. Während ich normalerweise mit Schuhgröße 45 – 45 1/3 unterwegs bin, passt der Trail Glove in Größe 46 wie angegossen.
Sicherlich wird man mit diesem Schuh nicht auf hochalpinen und ausgesetzten Trails laufen, aber im Laufe der Zeit wird der Untergrund auch nicht immer flach und weich bleiben.
Man darf nicht erwarten, dass man mit diesem Schuh da weiter machen kann, wo man mit dem „normalen“ Schuh aufgehört hat. Wie eingangs erwähnt sollte man langsam beginnen, auf seinen Körper (insbesondere auf die Waden) hören und gemächlich die Distanz verlängern. Ruhig auch mal ganz auf den Schuh verzichten und barfuß laufen, um die Fußsohle abzuhärten und sich an andere Untergründe zu gewöhnen.
Wenn man die richtige Intensität gefunden hat, dann ist das Laufen in Barfuß-Schuhen eine willkommene Abwechslung…vielleicht sogar eine Alternative.

Mehr Informationen unter http://www.merrell.com/DE/de

Vielen Dank auch an Stefan, der mich bei den Tests unterstützt hat. Dadurch gibt es jetzt einen weiteren „Barfuß-Fan“.

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