Der Fischer vom Königssee

Hast du schon einmal auf einer Karte um dein Hause einen Kreis mit einem Radius von fünf Kilometern gezogen und dann geschaut was alles im Inneren dieses Kreises liegt?
Wenn Familie Amort das macht, dann gibt es in diesem Kreis keine Autos, keine Straßen, keinen Supermarkt, keine Schule, keine großen Einkaufshäuser. Nachbarn gibt es in diesem Kreis auch nur ganz wenige und die sind zu Fuß nur sehr schwer zu erreichen.
Dafür hat man, sobald man vor die Haustür tritt, einen fantastischen Blick in die Watzmann-Ostwand, geradeaus auf den mächtigen Funtenseetauern, die berühmte Wallfahrtskirche von St. Bartholomä steht genau nebenan und nach weniger als 20 Metern, kann man beherzt in den Königssee springen und sich abkühlen.

Schon oft habe ich in meinen Tourenberichten vom Fischer vom Königssee erzählt und davon, wie ich mir bei Marianne und Thomas immer eine Cola gönne, bevor es über den Rinnkendlsteig nach oben geht und heute widme ich ihnen einen kompletten Beitrag.

Als ich an diesem Dienstagnachmittag gegen 14:00 Uhr am Königssee ankomme, dauert es eine Weile bis ich einen Parkplatz finde. Traumwetter, Ferien und die Hochsaison locken tausende Touristen an den Königssee.
Normalerweise treffe ich hier nur ganz selten Leute, wenn ich früh morgens oder teilweise nachts zu meinen Touren aufbreche, aber heute ist das alles etwas anders.

Am Bootssteg ist erst einmal anstellen und warten angesagt, bis meine Bootsnummer aufgerufen wird. Danach geht es mit vielen, vielen anderen Touristen,

hinüber nach St. Bartholomä. Unser Boot heißt übrigens auch Bartholomä…welch Zufall.
Auch wenn ich die Erzählungen der Bootsbesatzung schon fast auswendig kenne, höre ich sie mir doch immer wieder an, denn jeder erzählt die Geschichten anders und der eine erzählt hier etwas mehr und der andere dort. Auch das Echo ist jedes Mal verschieden.

In St. Bartholomä angekommen bin ich doch erstaunt, wie viel hier hinten los ist. Ich habe mit vielen Leuten gerechnet, aber nicht mit so vielen…Wahnsinn.

Wenn ich hier auf meinen Touren vorbei komme, dann gibt es immer nur eine Cola, einen kurzen Smalltalk mit Marianne und Thomas und schon bin ich wieder weg; weg von diesem Getümmel und rauf auf den Berg. Heute schwimme ich mal etwas in der Masse mit, laufe gemütlich herum und mache Fotos.

Seit 2008 ist Thomas der Fischer vom Königssee und das bereits in der Dritten Generation. Er ist der einzige Fischer, der am Königssee fischen darf und er lebt mit seiner Frau Marianne und den Kindern Kilian und Paula hier auf St. Bartholomä.

Tagsüber herrscht hier Hochbetrieb und die Gäste stürzen sich auf die geräucherten Forellen, Saiblinge und Renken und genießen in gemütlicher Atmosphäre diese Schmankerl.

Um 18:30 Uhr legt das letzte Boot ab und bringt die unzähligen Menschen wieder nach vorne an den Parkplatz. Als ich um 18:15 Uhr in den Biergarten vor St. Bartholomä schaue, kann ich mir nicht vorstellen wie das funktionieren soll, aber kurze Zeit später erklingt die Glocke am Bootssteg und das letzte Boot legt ab und nimmt auch den letzten Wanderer mit. Nur eine kleine Gruppe Bergsteiger bleibt auf der Halbinsel zurück; Bergsteiger die morgen früh Richtung Watzmann-Ostwand aufbrechen und heute Nacht im Ostwand-Lager schlafen.

Leinen los und kurze Zeit später springe ich mit Paula, die mich unbedingt zum schwimmen mitnehmen wollte, vom Bootssteg in den kalten, aber irgendwie erfrischenden, See. Hier, wo vor 45 Minuten noch die Boote Schlange standen um jeden mit nach vorne zu nehmen, ist auf einmal absolute Ruhe eingekehrt und man kann gemütlich schwimmen und vom Steg ins Wasser springen.

Feierabend haben Marianne und Thomas noch lange nicht. Heute steht noch eine Fischerfahrt auf dem Programm. Das bedeutet, dass gegen 18:30 Uhr ein kleines Boot mit maximal 24 Personen vorne am Königssee ablegt und gemütlich in der Abenddämmerung hier hinter fährt. Die Gäste bekommen dann von Thomas wissenswerte Informationen, einen Einblick in die Räucherkammer und natürlich auch geräucherte Fische zum Essen. Gegen 21:30 Uhr legt das Boot wieder ab und fährt nach vorne. So hat man auch als „Nicht-Ostwand-Begeher“ die Möglichkeit in den Genus dieser einzigartigen Landschaft am Abend zu kommen.

Während die Gruppe draußen beim Essen sitzt mache ich es mir im Fischerstüberl gemütlich und Thomas stellt mir Heinz Zembsch vor.
Der ein oder andere kennt Heinz vielleicht, als er damals bei Sport Hübner in Darmstadt die Kletterwand eingeweiht hat.
OK, das ist jetzt nichts Besonderes.
Heinz ist Bergführer und will morgen mit zwei Leuten die Watzmann-Ostwand durchsteigen.
OK, das ist jetzt auch nichts Außergewöhnliches, aber definitiv eine sehr coole Sache.
Heinz durchsteigt die Watzmann-Ostwand morgen zum 394. Mal (dreihundert-vierundneunzig).
Das ist dann definitiv etwas Besonderes!
Heinz kennt viele Geschichten und bei einem Glas Rotwein sorgt er für einige Lacher am Tisch.

Gegen 21:30 Uhr fahren die Gäste wieder nach vorne und kurze Zeit später verabschieden sich auch die Ostwand-Aspiranten und machen sich auf in ihr Nachtlager. Um 22:30 Uhr kann dann auch Thomas hier unten alles abschließen und nach oben ins Bett gehen.
Jetzt bin ich ganz alleine hier draußen unterwegs. Niemand weit und breit. Das Wasser schlägt sanft an das Ufer, die Grillen zirpen und ab und an hört man noch einen Vogel zwitschern.
Meine Kamera ist für Nachtaufnahmen nicht wirklich geeignet, deshalb gibt es nur ganz wenige Bilder…den Rest dürft ihr euch vorstellen.

Ich kann euch nur sagen…Es ist absolut gigantisch!

Am nächsten Morgen geht es um kurz nach sechs weiter. Alles schläft noch und ich mach mich, bewaffnet mit dem Fotoapparat, wieder auf den Weg.


In weniger als drei Stunden wird sich hier wieder alles mit Leben füllen und hunderte von Menschen werden hier herumwuseln.
Im Moment wuselt niemand.

Noch vor sieben Uhr wird in der Fischerei schon wieder gearbeitet. Jetzt in der Ferienzeit, wenn Paula und Kilian nicht schon morgens um halb sieben mit dem Schulboot abgeholt werden (Ja, die zwei werden jeden Morgen über den Königssee gefahren – genial!), schlafen Marianne und Thomas auch mal etwas „länger“.
Der Räucherofen wird angefeuert und die eingelegten Fische müssen abgespült werden.

Danach werden die Fische aufgehängt und verschwinden im Räucherofen.


Ein Fischerboot legt im Bootshaus an, noch lange vor dem ersten „Touristenboot“, und jetzt ist das Team von Marianne und Thomas für heute komplett.
Zu viert wird jetzt filetiert, geräuchert, verpackt, gewogen, belegt und und und.


Auch Paula hilft mit, denn erst wenn alles fertig ist, gibt es Frühstück.

Um 11:00 Uhr öffnet das Fischerstüberl, aber vorher wird erst gefrühstückt. Notfalls wird es später geöffnet, aber das gemeinsame Frühstück muss sein, denn danach beginnt der Besucherstrom, der immer nur ganz kurz abreist und sich dann wieder fortsetzt…bis zum Ablegen des letzten Bootes.

Für Thomas geht es im Anschluss hinaus auf den See, die Netze kontrollieren.
Mit Höchstgeschwindigkeit (verglichen mit den Elektrobooten) rauschen wir über den See zu den Netzen.

500 Meter ist das erste Netz lang. Bis zu 100 Renken können hier drin sein, aber heute sind es nur sehr wenige. Dieses Jahr werden nicht sehr viele Fische gefangen, was aber in allen bayerischen Seen, ausgenommen dem Bodensee, so ist. Das ist der Lauf der Natur.

Als nächstes kommen die Netze für die Schwarzreiter. Demnächst ist Kirchweih in St. Bartholomä und das ist das Datum, an dem Thomas traditionell die ersten Schwarzreiter serviert.
Die Netze hierfür liegen tief am Boden und müssen mit besonderer Vorsicht ausgebracht werden. Legt man die Netze an der falschen Stelle aus, kann es passieren, dass man sie sich am Grund zereist oder keine Fische fängt.

Es ist mit viel Übung verbunden und erfordert ein ungeheures Maß an Erfahrung. Das gesamte Wissen, vom Ausbringen der Netze, über das Vorbereiten der Fische, bis zum richtigen befeuern des Ofens, wird von Generation zu Generation weitergegeben. Schon ein Grad Unterschied beim Warmräuchern sorgt dafür, dass man den Fisch danach nicht verkaufen kann.
Vielleicht ist Kilian der nächste Amort, der die Fischerei, dann in vierter Generation, führt.

Nach dem Überprüfen der Netze geht es wieder zurück nach St. Bartholomä. Während im Fischerstüberl die Gäste Schlange stehen, geht es für Thomas nun an die Verarbeitung des Fangs.
Es herrscht buntes Treiben vor und hinter der Theke, aber bei allem Andrang und der Hektik die so mancher Gast verbreitet, ein Lächeln haben Marianne, Thomas und ihr Team immer auf den Lippen.
Herzlichste Gastfreundschaft an einem der schönsten Arbeitsplätze der Welt.

Auch wenn der Tag noch so hektisch war, am Abend wird man immer belohnt, dann wenn das letzte Schiff ablegt und Ruhe einkehrt, auf der Halbinsel St. Bartholomä.

Für mich geht es nach dem Einholen der Netze wieder zurück; mit dem gleichen Schiff wie gestern…Zufall?
Zurück in den Kreis, indem sich hunderte Autos, kilometerlange Straßen, viele Supermärkte und tausende Nachbarn befinden.

Vielen Dank Marianne und Thomas, dass ich euch einen Tag begleiten durfte und hinter die Kulissen blicken konnte.

Ich habe einen weiteren Bericht über meinen Ausflug zum Fischer vom Königssee auf dem Berchtesgadener Land Blog veröffentlicht.

20 Gedanken zu „Der Fischer vom Königssee“

  1. Sehr schöner Bericht über „den Fischer vom Königssee“. Ich kann mir gut vorstellen, was für eine Erleichterung es ist, wenn am Abend das letzte Schiff abfährt und Ruhe einkehrt – und dass dann eine geniale Stimmung entsteht. War sicherlich ein tolles Erlebnis! Danke für’s teilhaben lassen 🙂

    Sabine 🙂

  2. Schöne Geschichten vom Königssee, mit herrlichen Bildern belegt.

    Diesen Massentourismus auf den ersten Fotos habe ich auch erlebt – es ist grausig, anders dagegen die ruhigen Bilder mit der einmalig schönen Natur.

    Morgens um 6 Uhr ist die Welt noch in Ordnung, selbst in solchen überbevölkerten Gegenden wie an diesem wunderschönen See und auch bei uns an an der See – es lohnt sich, sich früh auf den Weg zu machen da und hier ! 😎

    Danke fürs Mitnehmen, das macht Lust (aber nur morgens früh !).

    1. Danke dir…gern geschehen.
      Die antizyklische Tourenplanung (geniales Wort ;-)) ist eine sehr feine Sache. Früh morgens oder spät Abends los und du erlebst die Umgebung auf eine völlig andere Weise.

  3. mit dem schulboot zur schule, wer kann das schon von sich behaupten. das ist dann wohl eine der zutaten für eine gesunde kindheit. wobei ich ehrlich gestehen muss das mich die touristenmassen etwas abschrecken. ich war auch noch nie am königssee, aber ich empfinde ihn auf den bildern immer sehr bedrückend und eng, aufgrund der steilen berge drumherum. trotzdem ineressanter berichtmit blick über unseren trail- tellerrand 🙂

    1. Eine sehr gesunde Kindheit. Da wird noch herum getollt und mit dem Fahrrad gefahren, in den See gesprungen und durch das Gebälk des Bootshauses geklettert…so wie früher eben.

      Man gewöhnt sich in die Touristen und schafft es mit der Zeit ganz gut, ihnen aus dem Weg zu gehen.

  4. Hey Steve,
    nachdem ich das Bild auf Twitter gesehen hatte wo du bei aufgehender Sonne in St. Bartholomä standest, dachte ich so zuerst an die Watzmann Ostwand. Sehr schöner Bericht und dann noch eine Begegnung mit Heinz Zembsch. Der war Früher immer an einem goldenen Bergsteigerhelm zu erkennen…..

    1. Danke dir Christian.
      Die Ostwand steht auch noch auf meiner Liste; mal schauen wann ich sie in Angriff nehme.
      Heinz ist echt ein lustiger Typ. Ich glaube ich könnte ihm Stunden lang zuhören.

  5. Nach dem ich vor kurzem selbst vor Ort war, ist dein Bericht umso interessanter zu lesen. Mich hat der See mit seiner beeindruckenden Atmosphäre auch sofort in den Bann gezogen. Auch wenn der See ein absolutes Touriziel ist, lohnt sich ein Besuch. Was ich mich nur bei der großen Anzahl von Touristen auf St. Bartholomä gefragt habe: Werden die Fische, die dort verkauft werden, wirklich alle in dem Königssee gefangen? Weißt du das?

  6. Schöner Bericht. Meine Oma erzählt mir immer wieder die Geschichte wie sie eines Tages in Salzburg war und kurz vor Sonnenaufgang aufgestanden ist, um mit den ersten Sonnenstrahlen durch die menschenleere Getreidegasse zu flanieren, die sonst von hunderten von Touris gesäumt ist. Nur einem Mann ist sie begegnet und beide haben nur festgestellt, dass es doch schön wäre, wenn es immer so wäre. Aber das bleibt ein Wunschdenken.

    1. Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Die Gasse platzt ja auch jeden Tag aus allen Nähten…das mal ganz ohne Menschenmassen zu erleben ist bestimmt auch etwas ganz Besonderes.
      Auf die Idee bin ich noch nicht gekommen…könnte man aber mal im Auge behalten.

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