Pflichtausrüstung: Ja, nein, vielleicht?

Wieder mal eine interessante Diskussion die Denis angestoßen hat. Es geht um das Thema Pflichtausrüstung bei Trailrennen. Das greife ich natürlich gerne auf.

Was ist Pflichtausrüstung

Pflichtausrüstung wird von den Veranstaltern diverser Trailrennen vorgeschrieben. Es handelt sich hierbei um gewisse Gegenstände die von den Teilnehmern mitgeführt werden müssen. Das reicht von einfachen Dingen wie einer Stirnlampe, geht über die Vorgabe der Menge an Flüssigkeit die man mitführen muss und kann, wie zum Beispiel beim UTMB, so spezifisch werden, dass das Gewicht von warmer Unterwäsche vorgegeben wird.
Mit der Pflichtausrüstung versucht man die Läufer auf alle möglichen Wetterkapriolen am Berg optimal vorzubereiten.
Genauso gibt es aber auch Trailrennen wo Veranstalter keine Ausrüstung vorschreiben.

Und wie geht es weiter

Gemäß den jeweiligen Bestimmungen wird die Pflichtausrüstung vor dem Start kontrolliert und teilweise auch an Kontrollstellen auf der Strecke.
Da man bei einem Rennen mit 600 Teilnehmern nie die komplette Ausrüstung aller Läufer kontrollieren kann, beschränkt man sich meist auf Stichproben.
Schaut man sich jetzt allerdings die Rucksäcke von manchen Leuten im Startbereich an, dann fragt man sich nicht selten, wie die das ganze Zeug in dieses kleine Teil bekommen haben. Es kommt dann schnell der Verdacht auf, dass man hier einfach gewisse Dinge zu Hause gelassen hat, in der Hoffnung nicht kontrolliert zu werden.
Das kann gut gehen, kann aber auch zur Disqualifikation führen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang das Bild von Anna Frost von den 4 Trails 2011. Zur Pflichtausrüstung gehörten damals noch keine 1,5 Liter Flüssigkeit, aber durchaus schon eine Jacke, Mütze, Handschuhe, Rettungsdecke, Erste-Hilfe-Set und (glaube ich) eine lange Hose bzw. Beinlinge. Auf den ersten Blick kann ich mir nicht vorstellen wie das alles in den kleinen Gürtel reingepasst hat.
Warum hat hier der Veranstalter nicht eingegriffen? Das muss doch auffallen?
Gleiche Regeln für Alle oder sind manche gleicher als die anderen?

Aber Pflichtausrüstung ist doch super

So richtig aktuell wurde das Thema in Deutschland erst durch den Zugspitzlauf 2008, bei dem zwei Läufer starben. Unter anderem machte man damals den Veranstalter verantwortlich, der zum einen die Streckenführung hätte ändern müssen und die Ausrüstung der Läufer auf ihren Schutz gegen die Witterungsbedingungen hin hätte kontrollieren müssen.
In diesem Zusammenhang taucht das Thema „Pflichtausrüstung“ immer wieder auf.
Betrachtet man die Thematik aus diesem einen Blickwinkel macht eine Pflichtausrüstung natürlich Sinn, denn so hätte in diesem Fall eventuell Einiges verhindert werden können.
Dennoch frage ich mich, wie man bei Temperaturen von 14 Grad und Regen, morgens um 09:00 Uhr auf einer Höhe von knapp 1000m, in leichter Sommerkleidung auf einen Berg laufen kann, der nochmal knapp 2000m höher liegt und das bei seit Tagen vorhergesagten Schneefällen. Selbst wenn der Wetterbericht keinen Schnee vorhergesagt hätte, dann kann man nicht davon ausgehen, dass bei diesen Verhältnissen im Tal, auf dem Gipfel der Zugspitze die Sonne scheint und leicht bekleidete Mädchen in Bikinis Cocktails servieren um die 30 Grad im Schatten erträglicher zu machen.

Also brauchen wir unbedingt Pflichtausrüstung?

Ich sage eindeutig…NEIN!

Wir brauchen keine Pflichtausrüstung. Was wir brauchen sind Läuferinnen und Läufer die etwas mehr Eigenverantwortung zeigen.

In der Freizeit kommt jeder ohne Pflichtausrüstung aus. Da packt jeder das ein, was er für richtig hält. Da kennt sich jeder aus und weiß was er braucht. Friert man schnell, dann packt man eine zusätzliche Bekleidungsschicht ein. Leute die viel Trinken, nehmen eben etwas mehr Wasser mit.
Wenn es dann auf einmal an ein Rennen geht, weiß mit einem Schlag niemand mehr was er mitnehmen muss. Da will dann niemand mehr die Verantwortung übernehmen.
Es ist in diesen Fällen dann wohl einfacher in die Voll-Kasko-Denkweise zu verfallen, getreu dem Motto: Sollen sich doch andere darüber Gedanken machen, dann bin ich aus der Verantwortung.
Das Ergebnis ist dann die Pflichtausrüstung die mitgeführt werden muss, deren Vollständigkeit aber nie zu 100% kontrolliert werden kann.
Da stellt sich natürlich auch die Frage, wofür man einen Haftungsausschluss unterschreibt, der den Veranstalter „freispricht“, im gleichen Atemzug aber doch wieder Dinge vorgeschrieben bekommt.
Warum nimmt man nicht einen extra Passus auf, nach dem Motto, wir sind alle über 18 und wissen was wir machen (oder sollten es zumindest wissen) und uns ist bewusst, dass wir die vollen Konsequenzen für unser Handeln tragen werden.

Ich habe doch aber keine Ahnung

Was ist, wenn aber einfach die Erfahrung fehlt? Wenn man nicht weiß, was man eventuell gebrauchen kann, wie kalt es wird, etc.?
Für solche Fälle kann der Veranstalter jedem eine Liste an die Hand geben, mit empfohlener Ausrüstung (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). So hat man zumindest schon mal einen Richtungsschuss und kann seine Entscheidung eventuell leichter treffen.
Grundsätzlich sollte man aber mal ganz einfach in sich gehen und sich selbst fragen, ob es sinnvoll ist, an einem Lauf teilzunehmen, bei dem man nicht weiß, was auf einen zukommt. Das finde ich persönlich schon sehr fragwürdig. Nach dem Motto: Ich war noch nie in den Bergen und laufe morgen den UTMB.
Nicht das das nicht geht, aber es ist in meinen Augen der falsche Ansatz. Man sollte auch bei diesem Sport Erfahrung sammeln und sich nach und nach steigern. Als Kletteranfänger gehe ich ja auch nicht an die Drei Zinnen für meine ersten Gehversuche, sondern fange im Normalfall im Klettergarten oder der Kletterhalle an, steigere mich dann über einfache alpine Touren, bis dann irgendwann ein Klassiker in Angriff genommen wird.
So muss es auch beim Trailrunning sein.
Ich habe das Gefühl, dass Pflichtausrüstung bei manchen Leuten suggeriert: „Wenn ich das dabei habe und laufen kann, dann wird das schon was mit dem ersten Ultra im alpinen Bereich.“ Da wären wir wieder beim Voll-Kasko-Denken.
Es muss einfach mehr auf Eigenverantwortung gesetzt werden, das gehört gerade in unserem Sport dazu.
Kilian hat es vor Kurzem auf den Punkt gebracht:

Runners need to think and that is a good thing. We all need to think what to carry and what to do.

Alles hat man nie dabei

Egal was die Veranstalter vorschreiben, man wird nie für alles gewappnet sein können.
Ich kann in Kanada von Bären angefallen werden, habe aber kein Bären-Abwehr-Spray dabei.
Die Sohle meiner Schuhe können sich lösen und dass man ohne Schuhe aufgeschmissen ist, das durfte in diesem Jahr ein Bergsteiger am Mont Blanc feststellen. Trotzdem ist mir kein Veranstalter bekannt, der Schuhkleber als Pflichtausrüstung vorschreibt.

Aber es macht doch Sinn wenn jeder Sanitätsmaterial dabei hat, oder?

Das macht durchaus Sinn, aber die Frage ist, was bringt es mir, wenn ich einen Verletzten mit meinem Verband und Pflastern versorge und wenig später selbst stürze, ein Läufer vorbei kommt, der aber nichts dabei hat. Dann ist mir auch nicht geholfen.
Das soll jetzt nicht den Eindruck erwecken, ich wäre so egoistische jemanden „verbluten“ zu lassen, aber ich bin sicher auch kein Sanitäter, der für andere Leute das Verbandzeug mit rumschleppt.
Hier finde ich den Ansatz, den der ein oder andere vielleicht noch aus seiner Zeit bei der Bundeswehr kennt, sehr hilfreich. Wenn jemand verletzt ist und ich komme ihm zur Hilfe, dann nehme ich ganz einfach sein Verbandzeug um ihn zu versorgen, so dass mir später auch geholfen werden kann, wenn ich irgendwo liege.
Wie gesagt, es gibt sicher Situationen da nutzt man alles was irgendwie genutzt werden kann um einen Verletzten zu versorgen, aber prinzipiell sollte auch hier die Eigenverantwortung groß geschrieben werden.
Wer sich das Knie aufschlägt und kein Pflaster dabei hat, der muss damit leben, dass nicht jeder sofort angerannt kommt und sein Verbandzeug herschenkt.
Wie gesagt, ich bin niemand der nicht stehen bleibt wenn es jemandem augenscheinlich nicht gut, ich frage immer ob ich irgendwie helfen kann und war damals in Squamish auch froh, als mir jemand aufgeholfen hat, als ich krampfend auf dem Trail lag; aber ich bin auch nicht der barmherzige Samariter, der sein ganzes Erste-Hilfe-Set aufbraucht um bei jemandem eine Schürfwunde am Knie zu versorgen, nur weil der Gestürzte nicht selbst etwas dabei hat.

Und jetzt?

Gute Frage! Letztendlich liegt die Entscheidung beim Veranstalter und die Teilnehmer haben sich an die Vorgaben zu halten!
Das werde ich natürlich auch weiterhin tun, wobei ich gerne mal sehen würde was passiert, wenn man für den Zugspitz Ultratrail im nächsten Jahr keine Pflichtausrüstung vorgibt, sondern die Leute einfach mal machen lässt.
Natürlich gäbe es eine Liste mit empfohlener Ausrüstung und der Veranstalter hält im Vorfeld auch alle Teilnehmer bezüglich des zu erwartenden Wetters auf dem Laufenden, aber was letztendlich mitgenommen wird, entscheidet jeder selbst.

Ich bin gegen die Pflichtausrüstung denn jeder sollte selbst entscheiden was er wohin mitnimmt.
Wir sind alle alt genug!

Pflichtausrüstung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

39 Gedanken zu “Pflichtausrüstung: Ja, nein, vielleicht?”