Interview mit Gerlinde Kaltenbrunner

2003 erhielt Gerlinde Kaltenbrunner von einer kasachischen Expedition am Nanga Parbat den Spitznamen „Cinderella Caterpillar“ und war spätestens von nun an voll akzeptiert in der „Männerdomäne“ Expeditionsbergsteigen.
Am 23.08.2011 gelang ihr mit der Besteigung des K2, das was vorher noch keiner anderen Frau auf der Welt gelungen ist: Die Besteigung aller 14 8000er ohne künstlichen Sauerstoff. Von den Medien wurde oft ein Wettkampf um die Krone der 8000er Bergsteigerinnen inszeniert, den schließlich die Südkoreanerin Oh Eun-sun am 27.04.2010, wenn auch umstritten, für sich entscheiden konnte.
Gerlinde Kaltenbrunner machte sich nichts aus dem Medienrummel und ließ sich auch nicht in diesen Sog hinein ziehen, sondern blieb ihrem Motto treu:
„Bergsteigen ist für mich kein Wettkampf. Es ist mein Leben.“

Ich hatte die Möglichkeit Gerlinde am Rande ihres Vortrages (Leidenschaft Leben über 8000) am 24.02.2012 in Ingolstadt zu interviewen. Es war ein tolles Interview mit einer Frau, die das Bergsteigen lebt und die trotz ihrer großen Erfolge auf dem Boden geblieben ist. Ruhe, Gelassenheit, eine positive Ausstrahlung, grenzenlose Sympathie und die richtige Einstellung zum Bergsport zeichnen Gerlinde aus.
Die beste und sympathischste Bergsteigerin der Welt.


1998 warst du zum ersten Mal auf dem Gipfel eines 8000ers (Cho Oyu) nachdem du 1994 schon den Vorgipfel des Broad Peak (8027m) erreicht hattest. Hat der Cho Oyu damals eine Art „8000er-Sucht“ in dir geweckt?
Obwohl ich 1994 nur auf dem Vorgipfel gewesen bin, hat mich das damals gedanklich schon nicht mehr losgelassen; ich habe das überhaupt nicht als Scheitern betrachtet. Für mich war der Vorgipfel, über 8000m, das Erlebnis; großartig.
Damals habe ich wirklich gedacht, wie könnte ich das anstellen, dass ich möglichst bald wieder aufbrechen kann. Es hat aber doch ein paar Jahre gedauert, bis ich wieder einen ganz hohen Berg versuchen konnte. Ich habe von Mal zu Mal gemerkt, dass diese Freude wieder aufzubrechen intensiver wird und irgendwann hat es mich nicht mehr gehalten.
Ich möchte es nicht als Sucht bezeichnen, weil man mit dem Wort immer etwas Negatives verbindet, aber eigentlich kann man es schon so indirekt ausdrücken.



Du wurdest zu Beginn deiner „Expeditions-Karriere“ sehr früh mit dem Tod konfrontiert. Wie war das für dich damals als junge Bergsteigerin? Denkt man da manchmal ans Aufhören?
Ganz ehrlich…daran habe ich nie gedacht. Auch nicht in den äußerst traurigen Momenten, wo man Freunde verliert. Es gibt nichts schlimmeres, aber trotzdem ist mir nie der Gedanke gekommen nicht mehr zum Bergsteigen zu gehen. Ganz im Gegenteil: Ich habe eher erst das Ganze verarbeiten können, als ich wieder in den Bergen war. Das ist meine Welt und wir gehen dort freiwillig hin, es zwingt uns niemand dorthin zu gehen. Wir wollen die Berge besteigen und müssen natürlich auch Acht geben und aufpassen und leider passiert auch immer mal wieder etwas.
Ich glaube, dass das niemals im Sinne von Fredrik, von Santi, von Ricardo oder sonst jemand gewesen wäre, wenn ich gesagt hätte: „OK, jetzt höre ich auf damit.“
Ich glaube auch, dadurch dass ich relativ jung schon mit Sterbenden, mit dem Tod konfrontiert wurde, in meinem Beruf als Krankenschwester oder auch schon in der Familie früh damit konfrontiert wurde, habe ich vielleicht auch irgendwie einen anderen Bezug dazu.
Jeder weiß, dass der Tod irgendwann kommt und zum Leben gehört; beim einen früher und beim anderen später.
Wir reden darüber zu Hause vor jeder Expedition. Auch jetzt vor dem K2 haben wir intensiv darüber gesprochen; was müssen wir tun, wenn irgendetwas passieren sollte, wenn irgendjemand nicht mehr zurückkommt. Das sprechen wir zu Hause immer relativ nüchtern durch und schließen es dann immer damit ab, dass wir sagen: „Aufpassen!“ Oberste Priorität ist eben, wieder gesund zurückzukommen. Wenn dann etwas passiert, so wie am K2 2010, als Fredrik abgestürzt ist, da kann man sich noch so gut darauf vorbereiten, dann ist das einfach absolut tragisch; in dem Moment und auch danach, wenn man runter ins Basislager kommt.



2007 bist du am Dhaulagiri nur knapp dem Tod entkommen, während zwei spanische Bergsteiger durch ein Schneebrett ums Leben kamen. Kurz darauf bist du zum Broad Peak aufgebrochen. Wie sehr hat dir das geholfen die Eindrücke vom Dhaulagiri zu verarbeiten?
Ich kann mich erinnern; erst wollte ich nur weg vom Dhaulagiri. Einfach weg vom Berg. Ich bin dann ein paar Tage alleine in Kathmandu gewesen, habe gar nicht gewusst wie mir geschieht und was los ist und bin dann zunächst Ralf entgegen gegangen, der noch am Manaslu unterwegs war.
Daheim bin ich gar nicht wirklich damit fertig geworden oder habe nicht damit umgehen können. Erst wie ich wieder auf dem Weg ins Karakorum war, auf dem Weg zum Broad Peak, habe ich gemerkt, wie es mir jeden Tag besser geht. Da habe ich es auf einmal irgendwie akzeptieren können und auch so stehen lassen können. Es ist passiert, ich kann es nicht mehr rückgängig machen. Das ist letztendlich Teil des Ganzen; wir passen auf, aber es kann eben auch immer etwas passieren. Da habe ich wirklich gemerkt, dass es mir besser geht, aber ich muss schon sagen, speziell wenn ich an den Broad Peak denke, als wir das Zelt auf 6600m aufgestellt haben, da habe ich immer und immer wieder nach oben geschaut und habe mir gedacht: „Ist das ein sicherer Lagerplatz? Kann da wirklich nichts herunterkommen?“ Die Kontrolle war schon höher als sonst, obwohl ich sowieso immer das Gefühl gehabt habe vorsichtig zu sein.



In deinem Buch beschreibst du, wie du damals am Manaslu Ralf kennen gelernt hast. Nicht nur ihr zwei, sondern auch eure gesamten Teams passten gut zusammen.
Während des Abstiegs rettest du einem von Ralfs Expeditionsteilnehmern sogar das Leben.
Man hört immer wieder von extrem egoistischem Verhalten, gerade an den hohen Bergen dieser Welt. Viele Bergsteiger sind mit Scheuklappen unterwegs und gehen förmlich über Leichen.
Kannst du so etwas verstehen?

Ich muss schon sagen, ich glaube es ist richtig dass so etwas vorkommt, aber zum Glück nur ganz selten. Das sind natürlich einzelne und sehr negative Beispiele, von denen man liest und hört, aber es ist zum Glück nicht die Regel. Wenn so etwas passiert, zum Beispiel am Everest, kann ich das nicht verstehen; überhaupt nicht. Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Oberste Priorität hat immer ein Menschenleben und alles andere zählt dann in diesem Moment auch nicht und das Wichtigste ist, dass man gesund runter kommt und die Teamkollegen gesund runter kommen. Einzelne Fälle gibt es leider immer wieder, wo einfach die Sucht, die Gier nach dem Gipfel, größer ist als alles andere. Ich kann es nicht verstehen, aber es kommt leider vor.


2005 verlor Ralf beim Aufstieg zur Shishapangma ein Steigeisen und steckte in einer steilen Wand fest. Wenige Wochen später erlitt dein Partner Hirotaka Takeuchi (Hiro) beim Versuch den Mount Everest zu besteigen ein Hirnödem.
Extremsituationen in extremer Höhe. Wie schaffst du es in solchen Momenten die Ruhe zu bewahren.

Ich bin grundsätzlich ein sehr positiver Mensch. Wenn irgendetwas Negatives passiert, denke ich mir immer, es hätte auch schlimmer kommen können.
Als das mit Ralfs Steigeisen passiert ist, habe ich zu ihm gesagt: „Es ist ja nur ein Steigeisen runtergefallen.“ Wir waren ungesichert und da war für mich klar, ich versuche jetzt abzusteigen, hole das Steigeisen, ich ziehe es Ralf an und wir klettern weiter. Ralf war da schon sehr skeptisch und dachte, der Berg wolle ihn nicht, aber es hat dann alles gut geklappt.
In solchen Situationen, in extremen Situationen, und das können glaube ich sehr viele, werde ich ganz ruhig. Da spüre ich so eine starke Ruhe in mir, auch wenn es oft aussichtslos ist. Etwas anderes würde mich sowieso nur blockieren. Man kann die Situation in diesem Moment nicht ändern.
Um ehrlich zu sein, bei Hiros Hirnödem, dass war psychisch für mich schon grenzwertig; muss ich zugeben; machtlos daneben zu sitzen. Ich habe schon reagieren können und habe ihm das Kortison intravenös gespritzt und dann kam die Zeit des Wartens. Reagiert er darauf? Überlebt er es oder nicht? Das war eine halbe Stunde, in der ich total verzweifelt war. Als er dann reagiert hat und ich gemerkt habe, jetzt kommt er langsam wieder, da ist natürlich wieder eine große Hoffnung da gewesen. Aber daneben zu sitzen und zuzusehen, wie es Hiro total schlecht geht, als er gar nicht reagiert hat, das war schlimm.



Am Lhotse hat dir Ralf damals, auf 7200 Metern und „warmen“ -17 Grad, in einer einsamen Nacht, unter sternklarem Himmel, einen Heiratsantrag gemacht. Nach einer Expedition ohne Gipfelerfolg und mit schweren Entscheidungen war das doch ein einzigartiger Abschluss, oder?
Total. Ralf sagte: „Alles Negative hat auch etwas Positives und für ihn war es dann doch noch ein Gipfel.“
Das war echt schön. Natürlich ist der Gipfel immer super, wenn man ihn erreicht, aber es gibt soviel rundherum. Im Khumbu-Gebiet völlig alleine unterwegs zu sein, das hat man ganz selten. Im Frühling ist dort der Bär los, Beginn der Saison, unzählige Menschen die den Everest besteigen möchten und wir waren am Ende der Saison dort und waren in diesem ganzen Hufeisen, die einzigen drei Menschen dort oben. Das alleine war schon super und alleine deswegen hat es sich schon ausgezahlt, dass wir hergekommen sind und dann natürlich noch der Heiratsantrag. Da habe ich gar nicht Nein sagen können.



Nun heißt es ja immer Gegensätze ziehen sich an. Du und Ralf teilt beide die Leidenschaft für das Bergsteigen, habt viele extreme Situationen gemeinsam durchgestanden und viele schwere Entscheidungen gemeinsam, oder mit Zustimmung des anderen getroffen.
Gibt es zwischen euch Reibungspunkte?

Ja, die gibt es auch und die muss es wahrscheinlich auch geben.
Zu Hause im Büro: Ich bin ein Mensch, der immer gerne draußen ist, sich bewegen muss und Ralf ist jemand, der voll konzentriert auch 12 Stunden am Computer sitzen kann, wenn Arbeit gemacht werden muss. Da hat es am Anfang sehr oft Reibungspunkte gegeben. Er konnte es nicht nachvollziehen, dass ich nach spätestens drei Stunden die Laufschuhe anziehen muss und eine Runde rennen gehen muss. Ich kann das nicht, stundenlang vor dem „Kastl“ sitzen. Da hat Ralf dann schon mal gesagt: „Jetzt konzentriere dich mal ein paar Stunden länger.“
Am Berg kann ich mich super konzentrieren, aber im Büro fällt es mir nach drei Stunden schwer.



Wird der 23. August, der Tag an dem du mit dem K2 den letzten deiner 14 8000er ohne künstlichen Sauerstoff bestiegen hast, so etwas wie ein persönlicher Feiertag für dich werden?
Diesen Tag werde ich sicher mein ganzes Leben nicht vergessen. Dieser Moment oder überhaupt diese Expedition ist für mich immer noch so präsent. Das was ich dort oben erlebt habe an Intensität, an…ich kann es gar nicht ausdrücken, es ist so präsent, nach wie vor; das ist oft da. Aber an diesem Tag werde ich schon immer besonders inne halten und zurück denken.


Am Gipfeltag am K2 war es damals sehr anstrengend. In 3 Stunden habt ihr lediglich 30 Höhenmeter überwunden. Schwerste Spurarbeit bei widrigen Verhältnissen.
Bekommt man da mit, wie die Zeit vergeht? Was geht einem in dieser Situation durch den Kopf? Sieht man da überhaupt irgendwo ein Ziel?

Das Ziel war natürlich an diesem Tag den Gipfel zu erreichen, aber es war dann tatsächlich so, dass wir nicht mehr vom Fleck gekommen sind. Leider haben wir keine Fotos davon, weil wir alle so angestrengt waren, aber wir steckten bauchtief im Schnee. Wir haben schon öfter bauchtief im Schnee gesteckt und sind trotzdem irgendwie vorwärts gekommen. Hier haben wir einen Schritt nach vorne versucht, erst mit dem Knie den Schnee nach unten gedrückt, dann einen Schritt und man steht wieder am selben Platz; und das immer und immer wieder. Irgendwie ist dann schon der Gedanke gekommen: „Das gibt es nicht. Jetzt sind wir so knapp unterhalb vom Gipfel und jetzt wird das wieder nichts.“ Einen Moment lang habe ich mir das gedacht und dann weiß ich noch, ich habe vorher Vassiliy angeschaut und ich glaube er hat sich das Gleiche gedacht; aber keiner hat es ausgesprochen. Wieder und wieder haben wir es probiert und uns wirklich Zentimeter für Zentimeter vorwärts gearbeitet. Irgendwann haben wir plötzlich gespürt, dass wir wieder Fels unter den Füßen haben, dadurch sind wir dann vorwärts gekommen. Das Gelände ist wieder schwieriger geworden, technisch anspruchsvoller, aber dafür war weniger zu spuren. Das war schon mühsam. Die Zeit ist nur so davon geronnen und als wir zum Gipfelgrat rausgekommen sind, war es die Belohnung, dass es abgeblasen war und wir dadurch schneller vorangekommen sind; aber wir waren schon ganz spät dran.


Wie war das Gefühl auf dem Gipfel?
Das war der ergreifendste Moment überhaupt. Da sind so viele Emotionen hochgekommen. Plötzlich waren da so viele Momente in den Gedanken. Die vielen Male umkehren auf der Südseite, der Absturz von Fredrik, das war alles da in diesem Moment und gleichzeitig diese Großartigkeit erleben zu dürfen, dort oben stehen zu dürfen. Ich habe einfach immer wieder nur „Danke“ gesagt, weil ich mir gedacht habe, das ist das Geschenk. Anders kann ich es nicht ausdrücken, es war wirklich so. Fast windstill, es hat wirklich, egal wo ich mich hingedreht habe, alles geleuchtet, in einem schönen Abendrot; unglaubliche Fernsicht. Es hätte nicht besser sein können. Irgendwie habe ich mir gedacht, das ist jetzt das Geschenk, für die vielen Male Umdrehen. Ich habe mich so zutiefst gefreut und habe es glücklicherweise über Funk mit Ralf teilen können. Ich habe mir natürlich gewünscht dass er dabei sein kann, aber er war indirekt dabei.


Wie und wann hast du den Gipfelerfolg gefeiert? Habt ihr im Basislager eine kleine Party veranstaltet?
Überhaupt nicht. Wir sind in das Chinesische Basislager abgestiegen, ganz nach unten. Ich war so überdreht. Darek und ich sind abgestiegen und irgendwann in der Nacht ins Lager 4 gekommen. In der nächsten Nacht um drei Uhr morgens sind wir in Lager 1 angekommen. Dort haben wir unten noch ziemlich spuren müssen und sind wieder bauchtief zwischen Biwak und Lager 1 im Schnee versunken. Wir waren total müde und ausgelaugt und sind am nächsten Tag dann noch runter bis ins Basislager.
Wir haben kleine Alu-Dosen Prosecco dabei gehabt, dass wir anstoßen können, aber unser Koch hat uns Wassermelonen hingestellt und ich bin einfach eingeschlafen. Ich kann mich an nichts mehr erinnern; stundenlang.
Gefeiert haben wir erst, als wir in Kashgar waren. Dort haben wir zum ersten Mal richtig auf unseren schönen Erfolg angestoßen.



Die Resonanz während und nach der Besteigung war riesig. Jeder hat dir die Daumen gedrückt und fieberte über das Internet mit. Hast du davon am Berg etwas mitbekommen?
Am Anfang überhaupt nicht. Mir ist es überhaupt nicht bewusst gewesen, welches Ausmaß das annimmt. Ich habe mir gedacht, nachdem das Thema 14 8000er der Frauen, im vorherigen Jahr abgeschlossen war, wird das ganz ruhig. Ich habe es zunächst gar nicht mitbekommen. Am Gipfeltag hat mir dann Ralf gesagt: „Gerlinde, es sind ganz viele Leute bei dir.“ Es sind sehr viele Emails eingegangen, Nicola im Büro war in Kontakt mit Ralf und da habe ich gewusst, dass viele Leute die Daumen halten und in Gedanken mit dabei sind.
Richtig bewusst geworden ist es mir aber erst hinterher. Ich hatte an diesem Tag 3 Millionen Zugriffe auf meine Homepage und unter 17 Millionen Hits ist sie dann zusammengebrochen. Da habe ich dann schon gemerkt; da waren viele Leute dabei. Ich glaube, ich habe es auch gespürt…auf jeden Fall.



Am 03.09.2011 wart ihr zu Gast im „aktuellen Sportstudio“. Ich erinnere mich noch ganz genau an den Ausschnitt, als Erich Tischler dir in einem Beitrag seine Glückwünsche aussprach. Für mich als Zuschauer vor dem Fernseher ein sehr emotionaler Moment. Wie hast du das empfunden?
Sehr emotional. Ich habe mich richtig zusammenreißen müssen. Mir hat es fast die Tränen rausgedrückt. Das war so eine Überraschung und das im aktuellen Sportstudio. Dass die so etwas Emotionales mit einbauen, das hat mich so berührt. Die Worte die der Erich übermittelt hat waren echt schön; das hat mich sehr, sehr gefreut.


Jetzt konnte Charly Gabl beruhigt in Pension gehen. Wie hat er auf die freudige Nachricht vom Erfolg am K2 reagiert?
Der Charly hat sich wahrscheinlich genauso gefreut wie Ralf und ich. Ralf war ständig in Kontakt mit ihm, Charly hat das hautnah mitverfolgt. Als ich runtergekommen bin und Ralf getroffen habe, sind wir gemeinsam zurück und ich habe gleich persönlich mit Charly telefoniert. Wir haben beide einfach weinen müssen am Telefon.
Charly ist unser siebtes Teammitglied gewesen. Er hat uns natürlich immer das Wetter vorausgesagt, aber da ist auch soviel mentaler Beistand mit dabei gewesen. Einfach zu wissen, da ist der Charly, der immer ein Auge aufs Wetter hat, uns Bescheid gibt. Manchmal hat es sich verzögert, wie auch immer, das hat dann keine große Rolle gespielt; er war so ein wichtiger Anker.



Über 2 Monate warst du bei deinem Erfolg insgesamt am K2. Wie verkraftet der Körper diese lange Zeit der extremen Anstrengung und etlichen Entbehrungen?
Ich habe schon viel an Gewicht verloren und bin mit acht Kilo weniger zurückgekommen. Zwar hatte ich vorher bewusst drei Kilo zugenommen, aber am Schluss habe ich schon gemerkt, dass der Körper ausgelaugt ist. Ich habe es auch hinterher gemerkt, dass es ein paar Wochen gedauert hat, bis ich mich wieder erholt hatte. Viel geschlafen, viel gegessen; aber ich weiß, das gehört dazu und diese Zeit habe ich meinem Körper auch gelassen um sich wieder aufzubauen.


Gab es Momente in denen du den K2 schon von deiner Liste gestrichen hattest? Momente in denen du kein Interesse mehr an einer Besteigung hattest?
Das war nach dem Unfall 2010. Ich kann nicht sagen, bewusst gestrichen, aber ich wusste nicht, ob ich jemals wieder zurückkehren werde. Sonst war das immer so eine Verabschiedung: „OK, ich probiere es wieder, ich komme zurück.“, da war ich mir immer sicher wenn ich das Basislager verlassen habe und 2010 bin ich weg und habe mir gedacht: „Ich weiß nicht, vielleicht auch nicht.“ Da habe ich kein Gefühl gehabt. Nicht „vielleicht auch nicht“, sondern eher, wenn das positive Gefühl für den K2 nicht mehr kommt, dann werde ich ihn lassen.
Monate später habe ich, speziell im Dezember, ganz viel von dieser Expedition geträumt. Zuerst gar nicht, die ersten Wochen waren immer so eine Leere und dann im Dezember, als wir in Thailand waren, habe ich viel, viel vom K2 geträumt; von Fredrik. Da habe ich wirklich einen Traum gehabt, der für mich ausschlaggebend war, wo ich gespürt habe, jetzt habe ich wieder Frieden mit Allem geschlossen, jetzt passt es für mich wieder.
Da ist dann Tag für Tag, der Wunsch stärker geworden, dass ich wieder zum K2 zurückkehren möchte. Da habe ich mir gedacht, wenn das Gefühl passt, und ich höre immer sehr auf mein Bauchgefühl, dann probiere ich es wieder. Ich bin dann zum K2, komplett stressfrei und ohne Druck, gegangen. Ich weiß nicht, ob es überhaupt jemand geglaubt hat, aber ich für mich habe gespürt, ganz egal was kommt und wenn ich das siebte Mal umdrehen muss, auch kein Problem; ich möchte jetzt gerne die Nordseite kennen lernen.
Im Basislager, als wir die Kamele abgeladen haben, habe ich schon zu Ralf gesagt: „Allein deshalb war es schon wert, hierher zu kommen.“ Es war so kraftvoll, so wunderschön und so habe ich jeden Tag so positiv genommen. Bei den Anstrengungen am Berg, auch wenn es mal nicht so gut ausgesehen hat, habe ich das Gefühl gehabt und das Vertrauen, dass alles irgendwie gut wird. Das ist etwas, was man nicht beschreiben kann. Das spürt man, das hat man oder eben nicht.



Kurt Diemberger hat mir in einem Interview einmal gesagt: „Gerlinde lebt dort droben und wenn sie alle 8000er hat, dann hört sie damit auch nicht auf, dann geht sie eben auf die hohen 7000er.“
Hat er damit Recht?

Da hat er Recht. Wenn das in einem drin ist, dann lässt es einen ein Leben lang nicht mehr los. Ich freue mich jetzt so, wenn es am 1. April los geht, ich kann es wirklich schon nicht mehr erwarten. Das ist für mich, auch jeden Tag beim Training, die große Motivation wieder aufzubrechen und eben jetzt den Nuptse-Ostgrat zu versuchen. Da freue ich mich drauf.


Liebe Gerlinde,
vielen Dank für dieses Interview.
Ich wünsche dir und Ralf weiterhin viel Erfolg bei all eueren Unternehmungen. Passt auf euch auf und kommt gesund wieder.
Wenn jeder Bergsteiger nur einen kleinen Teil eurer Einstellung verinnerlicht und sich ein Beispiel nimmt, dann wäre die wunderschöne Bergwelt noch ein Stück vollkommener.

http://www.gerlinde-kaltenbrunner.at/

3 Gedanken zu „Interview mit Gerlinde Kaltenbrunner“

  1. Beeindruckendes Interiview mit einer beeindruckenden Frau.

    Unverstellbar für jemanden, dem schon schwindelig wird, wenn er auf einem Deich steht. Nein, im Ernst, fazinierend mit welcher Leidenschaft Du im Stoff stehst und dadurch dem Interview die nötige Tiefe geben kannst.

    Super!
    Volker

    1. Danke dir Volker.

      Die Vorbereitung ist immer relativ intensiv und ich versuche Fragen zu stellen, die sich etwas von den „alltäglichen“ Interviewfragen abheben. Zusätzlich versuche ich aber aufgrund der Fragestellung den „unbedarften“ Leser etwas an die Materie heranzuführen.
      So wird es dann hoffentlich ein nicht alltägliches Interview das auch den „Nicht-Profi“ anspricht.

      Viele Grüße

      Steve

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