Interview mit Alex Brennwald

Alex Brennwald ist Jahrgang 82, kommt aus Zürich und lief 2006 seinen ersten Ultramarathon. Nachdem er 2013 und 2014 den UTMB gefinished hat, war der Western States 100 in diesem Jahr wohl ein weiteres Highlight in seiner sehr erfolgreichen „Trailrunning-Karriere“. Auf ultra-trail.ch gibt er seinen Lesern detaillierte Einblicke in seine Leidenschaft.
Alex - UTMB 2014
Alex wie bist du damals zum Trailrunning gekommen?
Ich habe zu Uni-Zeiten mit Laufen begonnen. Meine Voraussetzungen waren alles andere als ideal. Ich war übergewichtig und total unsportlich. Zudem war mein Ehrgeiz grösser als mein sportliches Vermögen –darum darf ich mich an einige sehr zähe Erfahrungen erinnern. Mit der Zeit ging es immer besser und ich habe viel Freude am Ausdauersport gewonnen. Durch meinen Cousin bin ich erst zum Triathlon (2x Ironman) und dann zum Trail Running (K78) gekommen. Bedingt durch den Eintritt ins Berufsleben und einer Schulterverletzung habe ich 2008 bis 2010 fast nichts mehr gemacht. Irgendwann kamen die Erinnerung und das Verlangen nach dem wunderbaren Flow des langen Laufens zurück und ich habe erneut meine Laufschuhe geschnürt. Des Weiteren war es aber auch körperlich bitter nötig etwas zu tun. 3 Jahre M&A Lifestyle hatten mir zugesetzt.
Zur gleichen Zeit eröffnete mir eine Freundin, dass Sie an Multipler Sklerose erkrankt sei. Dieses Gespräch hat mich sehr berührt. Noch auf dem Nachhauseweg habe ich mir vorgenommen, mein Leben in die Hand zu nehmen und keine Entschuldigungen für das Nicht-Erreichen von Zielen mehr zu akzeptieren. No excuses – das ist seither mein Motto. Und siehe da, man kann vieles unter einen Hut bringen, wenn man nur will. Danach ging alles schnell, nach zwei Skyraces zur Einstimmung habe ich 2011 mit dem Mountainman (damals 80km mit 5000hm D+) einen Wendepunkt in meinem Leben besiegelt. Von null auf Mountainman war wohl hart an der Grenze und ich habe ordentlich gelitten, aber ich habe es geschafft. Und im Ziel oben auf dem Pilatus fiel es mir wie Schuppen von den Augen – Ultra Trail ist mein Ding.

UTMB, Lavaredo, Eiger Ultra, Tramuntana, jedes Jahr mindestens ein Highlight. Wie intensiv trainierst du und wie schaffst du es, deinen Job und dein Hobby untern einen Hut zu bekommen?
Ja, ich versuche jedes Jahr ein oder zwei Highlights einzubauen. Diese Rennen geben mir viel Motivation. Es gibt nichts Besseres als nach einer durchgelaufenen Nacht in den Bergen die Sonne aufgehen zu sehen. Diese Erlebnisse sind absolute Kraftmomente.
Ich versuche in 6 Einheiten 100km in der Woche zu laufen– einmal lang, einmal hart und den Rest nach Belieben. Da ich nicht wenig arbeite, muss ich flexibel sein und laufe am Mittag, am Abend oder in der Nacht. Zum Glück habe ich einen Arbeitgeber und ein Team, das auf Leistung und nicht auf Face-Time setzt. So gewinne ich etwas mehr Freiraum. Die Qualität des Trainings ist aber schon nicht optimal, da ich nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag oft nicht mehr die Kraft habe, auch noch hart zu trainieren. Darum sind die meisten meiner Einheiten, ausser der Tempoeinheit und dem Longjog, ziemlich gemütlich. Während der Saison kommen noch etwa 10 ganz lange Einheiten dazu, wo ich mindestens 6 Stunden, besser aber 8 Stunden und mehr, in den Bergen verbringe. Das ist wunderbar – für Kopf, Beine und das Herz.

Alex - Robinson Flat
Western States 100, der Traum von vielen (auch von mir).
Wann war klar, dass du den WS100 laufen möchtest und wie lief dann deine Planung ab? Neben dem Losglück bei den Startplätzen braucht man ja zunächst mal einen Qualifikationslauf.

Wie die meisten bin ich über Dean Karnazes‘ Buch „Ultramarathon Man“ auf den Western States 100 aufmerksam geworden. Das ist 7 oder 8 Jahre her. Der WS100 ist sozusagen die Mutter aller Trail 100 Miler. Neben den Geschichten, die sich um das Rennen ranken, hat mich die Abgeschiedenheit der Sierra Nevada und der Canyons magisch angezogen. Jedes Jahr haben bloss 400 Läufer die Möglichkeit durch den Glutofen von Squaw Valley zur Placer Highschool zu laufen. Mir war sofort klar, dass ich einer davon sein möchte.
Letztes Jahr habe ich mich dann entschieden einen Anmeldungsversuch zu wagen. Qualifikationsläufe hatte mich mit 2x UTMB und Lavaredo mehr als genug.

Hattest du gleich im ersten Jahr Losglück oder war es schon der zweite/dritte Versuch?
Erstaunlicherweise hat es gleich auf Anhieb geklappt. Die Chance als First-Timer reinzukommen ist recht klein, da bloss 360 Startplätze auf etwa 5000 Anwärter verteilt werden.
Alex - GaryWang
Wie ist das Gefühl, wenn man im Internet die Auslosung live mitverfolgt und dann hört man auf einmal seinen Namen?
Ich war in einer Sitzung und konnte die Auslosung nicht live verfolgen. Ich habe durch Nachrichten von meinem Freunden über mein Glück erfahren. Das war schon super.

War ab dem Tag der Auslosung dann alles auf diesen einen Lauf fokussiert?
Auf jeden Fall. Ich hatte noch auf einen Startplatz am UTMB gehofft, diesen aber nicht erhalten. Somit war klar, dass ich im 2015 nur ein A-Rennen laufen werde. Da der WS100 am letzten Juni Wochenende stattfindet, musste ich schauen, dass ich früh in der Saison meinen Leistungs-Peak erreiche. Entsprechend fokussiert habe ich dann das Training und die Aufbauwettkämpfe gestaltet.

100 Meilen, bei durchaus sehr hohen Temperaturen, in ungewohntem Gelände, mit exponierter Starthöhe. Wie bereitet man sich darauf am Besten vor?
Beim Western States gilt es mit drei Knackpunkten klarzukommen: Höhe, Hitze und ein schnelles, sehr laufbares Streckenprofil (netto-downhill: 5500hm D+ sowie 7000hm D-). Die Höhe habe ich nicht speziell vorbereitet, da meine üblichen Trainingsstrecken auch gerne mal über 2000 Meter gehen. Bei der Hitze ist es schon anders. In den Canyons wird es über 40° heiss und eine spezifische Vorbereitung ist unabdingbar. Ich habe zum Jahreswechsel Bikram Yoga (90 Minuten Yoga in einem 38° warmen Raum) in meine Trainingsroutine aufgenommen und bin 2 bis 3mal die Woche hin. Das war super. Einerseits half mir das Yoga bei der Akklimatisierung und andererseits wurde ich durch die Dehneinheiten sehr viel belastungsresistenter. Da der Western States sehr laufbar ist, muss die Vorbereitung entsprechend ausgerichtet sein. Für ein Finish unter 24 Stunden müssen etwa 130 der 160 Kilometer gelaufen werden. Entsprechend sollten viele schnelle und lange Downhills ins Training eingebaut werden. Retrospektiv habe ich auf zu harten Strecken trainiert. Ich hätte besser noch mehr lange, flache und schnelle Einheiten gemacht. Beim WS100 geht es schon mal 2 Stunden in leichtem Gefälle nach unten. An das muss man sich gewöhnen.
Alex - Cougar Rock
Wie war der Lauf bezogen auf Strecke, Landschaft und das ganze drumherum? So wie du es dir vorgestellt hast?
Man kann den WS100 grob in 3 Abschnitte unterteilen: High Country, Canyons und American River Flussabschnitt. Das High Country der Sierra Nevada ist wunderschön. Man läuft sehr abgeschieden auf geilen Singletrails durch die Berge. Bis zum Horizont sind weder Strassen noch Häuser oder sonstige Zeichen des menschlichen Daseins zu sehen. Es gibt nur Felsen und Bäume. Und brütender Sonnenschein. Nach etwa 60 Kilometer geht es in die Canyons runter. Die Ab- und Aufstiege sind steil und die Hitze setzt einem hart zu. In den Canyons staut sich die Temperatur auf über 40° und es gilt so unbeschadet wie möglich durchzukommen. Die letzten 50 Kilometer gehen dem American River entlang und sind im Vergleich weniger spektakulär. Einen detaillierten Rennbericht findet man hier.
Die Stimmung an Start und Ziel ist super. Es ist viel familiärer als sonst, da weniger Leute starten. Jeder hat aber eine Crew und Pacer mit dabei, was zu einer ausgelassenen Stimmung führt. Für Crew und Pacer gibt es am Vortag vom Rennen auch einen Berglauf (kostenlos). Ziemlich cool. Alle Finisher bleiben nach dem Zieleinlauf auf dem Sportfeld der Placer Highschool und warten auf die letzten Zieleinläufe. Das gibt ein gutes Zusammengehörigkeitsgefühl. Jeder spricht mit jedem.

Wie fühlt man sich im Ziel, ein paar Stunden später und am nächsten Tag?
Glücklich und erschöpft. Ich bin seit meiner Zeit als Strassenmarathoni nie mehr nach der Uhr gelaufen. Am Western States wollte ich unbedingt die 24h Marke unterbieten. Der dafür notwendige Cut-off sass mir die letzten 70 Kilometer im Nacken und ich konnte niemals mehr als 5- 10 Minute Puffer rauslaufen. Das war ziemlich belastend. Ich war komplett erschöpft, aber auch super happy, als in nach 23h47min ins Ziel kam. Auch die Stunden danach waren recht emotional, da ich psychisch ausgepowert war und immer wieder die ganzen Strapazen hochgekommen sind. Die Schmerzen sind dann aber schnell vergessen und als ich an der Award Ceremony meinen Buckle bekommen habe, war das Glück komplett.
Im Vergleich zum UTMB ist der Western States auf dem Papier ein eher einfaches Rennen. Wenn man aber gegen die Uhr läuft, wird es trotzdem hart. Und wenn man so knapp am Cut-Off läuft wie ich, dann kann man keine Sekunde die Beine hängen lassen. Das hat den WS100 zu einer harten Prüfung gemacht und ich dementsprechend umso glücklicher, dass ich mein Ziel erreicht habe.

Alex - WSER Finish
Du kennst die europäische Szene sehr gut und warst schon bei den verschiedensten Events am Start. Was unterscheidet die Amerikaner von uns Europäern wenn es um Trailrunning geht?
Amerikaner sind erfrischend minimalistisch. Eine Hose, eine Flasche und ein paar Schuhe sind genug um den Western States zu laufen. Verpflegt wird an den Aid Stations, ein Gel in der Hosentasche muss als Notnagel genügen. Fertig. Trail Running heisst in Amerika auch, dass nicht jeder Komfort mitgeführt werden muss. Klar, die Aid Stations waren übertrieben gut, aber ansonsten gibt es nur den Trail und die Natur. Erst jetzt wurde mir klar, wieso der Euro Runner in Amerika genauso aus der Menge heraussticht wie ein halbnackter Amerikaner bei uns. Wir sind im Vergleich absolut hochgerüstet. Natürlich sind die Trails und das Wetter in den USA oft weniger harsch als in den Alpen – trotzdem kann man sich von der Leichtigkeit des Seins der US Trail Runner ein Stück herunterschneiden. Weniger ist manchmal eben doch mehr.

Dieses Jahr hast du es geschafft, bist unter 24 Stunden geblieben und hast dir die silberne Gürtelschnalle mehr als verdient.
Wirst du wieder kommen oder reicht dir einmal Western States?

Die Reise, das Rennen und die Freundschaften waren so gut, dass ich sofort wieder starten würde.

Hast du schon Pläne für die nächsten Events?
Natürlich. UTMB, La Réunion und ein zweites Mal USA stehen auf der Bucket List. Mal sehen…

Alex, vielen Dank für das Interview. Weiterhin viel Erfolg und viele unvergessene Eindrücke.

Die Bilder wurden mir freundlicherweise von Alex zur Verfügung gestellt.

Alex - UMSDT Finishline

6 Gedanken zu „Interview mit Alex Brennwald“

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